von Vivienne – Oktober 2004
Mutter unser?
Das erste Gebet, dass ich als Kind erlernte, war das Vater unser. Ich betete es in kindlicher Andacht und mit der Angst im Hinterkopf, ich würde in die Hölle kommen, wenn ich kein braves Kind wäre. Über dreißig Jahre sind seither ins Land gezogen und mit dem Kind von damals habe ich wenig gemein. Ich bin selten in der Kirche anzutreffen und ich bete auch nicht oft. Und wenn ich die Hände doch zum Gebet falte, dann meistens aus Verzweiflung oder Not. Not lehrt beten, besagt eine alte Weisheit und ich muss zugeben, dass ich aus Begeisterung, vor Freude oder Glück eher selten Gott danke sage. Mein Bezug zur Religion, das habe ich schon an andere Stelle anklingen lassen, ist aber auch mit den Jahren ein anderer geworden.
Obwohl in meinen Unterlagen als Glaubensbekenntnis römisch katholisch angeführt ist, tendiere ich selber zum Glauben an die Wiedergeburt, was meine Umwelt eher mit Kopfschütteln gutiert. Ich glaube an Gott, an seiner Existenz besteht für mich kein Zweifel, mein Gottbild sieht halt sehr viel anders aus, als es üblicherweise in diesen Landen dargestellt wird. Ich glaube zum Beispiel nicht ein einen Gott, der zählt, ob wir auch jeden Sonntag zur Kirche und regelmäßig zur Beichte gehen. Ich glaube auch nicht an einen Gott, der mit zweierlei Maß misst das sind wir Menschen selber, und ich bin überzeugt, dass Gott keine Diskriminierung von Mann und Frau will.
Allein, sie wird gelebt, selbst in der angeblich so fortschrittlichen westlichen Gesellschaft wird frau diskriminiert. Die Menschheit lebt sie also, zieht sie krampfhaft durch und beruft sich dabei ironischerweise oftmals auf Gottes Willen. Unter den lächerlichsten Vorwänden… Dieses Unrecht gärt schon lange unter der Oberfläche und wird sich noch mehr und mehr Ventile verschaffen. Einige Frauen wagten es, sich gegen die Anordnung der Amtskirche zu Priesterinnen weihen zu lassen (lest dazu von mir: Priesterinnenweihe) und auch wenn man darüber geteilter Meinung sein mag: eine extreme These ruft immer eine extreme Antithese hervor oder einfacher gesprochen: extreme Standpunkte fordern extreme Kontras und Widerstand geradezu heraus.
Das fällt mir auch immer ein, wenn ich wieder einmal davon höre, dass es Frauen gibt, die nicht zu Gott Vater sondern zu Gott Mutter beten. Ein symbolischer Akt? Ich weiß nicht. Wenn ich an Gott denke, stelle ich mir nicht notwendigerweise eine Männergestalt im wallenden Gewand und mit langem Bart vor. Ich habe im Grunde gar keine Vorstellung zu seinem äußerlichen Erscheinungsbild, weil für mich Gott ohnedies jenseits aller Vorstellungen steht. Ob Mann, oder Frau sollte das nicht völlig egal sein? Mich mutet dieses Verhalten halt auch ein wenig männerfeindlich an, wenn ich ehrlich bin. Die Frage, ob Gott männlich ist oder weiblich, hat mich noch nie beschäftigt, weil ich mit ganz anderen Dingen zu tun habe. Und ein weiblicher Gott muss ja nicht notwendigerweise ein besserer Gott sein, oder?
Mir erscheint das ein wenig wie eine Diskussion um des Kaisers Bart. Ob Gott männlich ist oder weiblich, daran zerbricht die katholische Kirche nicht, aber es gibt jede Menge viel wichtigere Punkte, durch die die Kirche bei uns und anderswo an Glaubwürdigkeit, an Verständnis und an Interesse bei den Gläubigen verliert. Ich möchte dabei jetzt gar nicht an die Ereignisse bei uns in jüngster Vergangenheit rühren. Ob Gott nun eher einer männlichen oder einer weiblichen Person entspricht wirkt im Vergleich dazu völlig harmlos und als gäbe es sonst nichts zu klären. Schade im Grunde, wenn wertvolle Zeit und Energie für solche Diskussionen verschwendet werden. Meiner persönlichen Meinung nach steht Gott über solchen Dingen und wer trotzdem dieses zum Streitpunkt hervorhebt, der scheint mir keinen wirklichen Bezug zum Glauben zu haben.
Nicht dass ich mich daran stoße, wenn jemand lieber zur Mutter Gottes betet. Das ist grundsätzlich Ermessenssache. Wie man sich leichter tut. Der eine betet lieber mit gefalteten Händen, die andere gestikuliert heftig, wenn sie mit Gott spricht. Es ist immer derselbe Gott zu dem wir sprechen, das spielt keine Rolle, das sind Äußerlichkeiten. Daran sollte es nicht scheitern. Aber Zeit investieren kann man auf jeden Fall sehr viel sinnvoller in jene Belange in der Kirche, die machtvoll nach Lösung schreien, die die Menschheit wirklich teilen: Zölibat, Homosexualität, Verhütung, Kindesmissbrauch, Abtreibung, Position der Frau in der Kirche
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