Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  Oktober 2004



Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek

Ich traute heute Nachmittag meinen Ohren kaum, als ich fast zufällig im Radio hörte, wen die Schwedische Akademie heuer als Literaturnobelpreisträger auserkoren hat: die Wahl fiel nämlich auf die gebürtige Steirerin Elfriede Jelinek, berühmt, berüchtigt, umstritten und angefeindet. Die erste österreichische Trägerin des von Alfred Nobel gestifteten Preises seit, wenn ich mich nicht irre, Konrad Lorenz im Jahr 1973. Elias Canetti (bekannt durch „Die Fackel“), Literaturnobelpreisträger 1981, konnte zwar unleugbar auf Wiener Wurzeln verweisen, nahm den Preis aber nicht als Österreicher entgegen. Und das wird in gewisser Weise auch die Jelinek nicht tun. Nicht nur, weil sie schon bekannt gegeben hat, nicht persönlich zur Verleihung anzureisen: „Ich kann mich im Moment Menschen nicht aussetzen.“ wird die Autorin in den Medien zitiert. 

Jelinek hatte in ihrem Leben immer wieder mit seelischen Problemen zu kämpfen, musste ihr Musikstudium (dass sie als Organistin übrigens 1971 doch mit „Sehr gutem Erfolg“ abschloss) deshalb zeitweilig unterbrechen. Der Vater, ein Chemiker, wurde im 2. Weltkrieg von den Nazis für die Forschung eingesetzt und war deshalb vor antisemitischer Verfolgung sicher. Selber wurde er aber mit dieser zwiespältigen Rolle nicht fertig, hatte seit den frühen Fünfzigerjahren mit einer psychischen Krankheit zu kämpfen und befand sich immer wieder auch in Anstaltspflege, wo er dann 1969 verstarb. Jelinek hat wohl die verletzliche Seele ihres Vaters geerbt. Schon 1968 hatte sie sich völlig zurückgezogen und war ein Jahr lang nicht in der Lage das Haus zu verlassen. Später engagierte sich Jelinek in der Studentenbewegung und in den Literaturdiskussionen der Zeitschrift „manuskripte“.

Die ersten Hörspiele Jelineks erschienen. „wenn die sonne sinkt ist für manche schon büroschluss“ wurde schließlich im Jahr 1974 von der „Presse“ als erfolgreichstes Hörspiel ausgezeichnet. !974 trat sie der Kommunistischen Partei bei. Im selben Jahr heiratete sie auch Gottfried Hüngsberg, der in den 60er Jahren dem Zirkel um den erfolgreichen deutschen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder angehörte. Die beiden sind auch heute noch beisammen während die Bindung zur KPÖ wieder der Vergangenheit angehört: 1991 trat sie wieder aus. Dazwischen eine Ära, in der sich die Jelinek einen Namen machte, als DIE Jelinek zu einem Begriff wurde, Fans begeisterte, Kritiker spaltete und Gegner aufbrachte: Mit Romanen etwa, von denen wohl „Die Klavierspielerin“ noch in aller Ohren ist – durch die ebenfalls nicht unumstrittene Verfilmung durch Michael Haneke, die nichts desto Trotz international ausgezeichnet wurde. 

Geteiltes Publikum ließen auch Ihre Dramen wie „Raststätte oder Sie machen’s alle“ (an der Burg) zurück. Ein typisch österreichisches Schicksal für die Schriftstellerin, die heute sehr zurückgezogen am Rand von Wien lebt: Im Ausland höher gelobt und anerkannt als in der Heimat, ebenso wie der geniale Thomas Bernhard, der schon vor einigen Jahren verstorben ist und im Testament seinerzeit ein Spielverbot seiner Dramen in Österreich verfügte… Eine ähnliche Auszeichnung wie die der Jelinek blieb ihm verwehrt, aber die Schriftstellerin ist selber nicht ganz glücklich mit dem Nobelpreis, der sie zwar freut, wie sie zugibt, aber noch mehr auch verzweifeln lässt. Wohl mit ein Grund für sie dem Trubel der Preisverleihung fern zu bleiben. Dieser Preis sorgte in der Literaturwelt durchaus für eine handfeste Sensation, verschiedene andere Namen waren doch zuvor im Gespräch gewesen. Und die Möglichkeit einer weiblichen Preisträgerin verdichtete sich schließlich zu der ziemlich unerwarteten Entscheidung, wenn gleich – wie oben erwähnt – in der Schwedischen Akademie die (knappe) Entscheidung begrüßt wurde.

Wir haben also wieder einen Nobelpreisträger – aber haben wir ihn oder besser gesagt sie wirklich? Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht. Nicht wenige werden bei uns den Kopf schütteln darüber, aber ich denke, dass die Jelinek nie vor hatte die Massen zu begeistern. Eine Ja-Sagerin ist sie bei Gott nicht, Provokation und Skandal sind von ihr oft bewusst inszeniert worden. Und das schmeckt nicht jedem, vor allem wenn er Staberl heißt… Aber dieser ist mittlerweile längst passé und wird wohl mit gemischten Gefühlen an seinen geliebten Nestroj denken: „…die Welt steht auf kann Fall mehr lang, lang, lang…“ Selber habe ich auch eine gewisse Beziehung zu Elfriede Jelinek. Vor einigen Jahren, 1998/99, war ich in einem Frauenprojekt involviert, das international mit ähnlichen Frauengruppen in Berlin und Irland kommunizierte. Teil dieser Zusammenarbeit war auch eine Gruppenarbeit über Schriftstellerinnen, die ich in Englisch verfasste („Feminist Writers“). Zehn Schriftstellerinnen suchte und fand ich für diesen „Mega-Aufsatz“, neben der großen Virginia Wolf und der Feministin Ester Vilar recherchierte ich eben auch in Sachen Elfriede Jelinek.

Ein großer Preis für eine große, sensible Österreicherin. Ein Preis aber auch, den sich Österreich selber nicht so mir nix dir nix anheften kann wie bei anderen Landsleuten. Wollen wir hoffen, dass auch bei der Autorin selber die Freude noch nachkommt. Eine Ehrung, die doch in jedem Fall vieles wieder wettmachen sollte, das sie in ihrer Karriere an harter wie auch immer wieder ungerechtfertigter Kritik einstecken musste. Ihre Induvidualität hat sie sich in jedem Fall bewahrt und den Mut auf ihre eigenen Sichtweise. Das macht auch eine/n große/n Literaten/in ganz sicher aus…

Vivienne

Link: Alle Beiträge von Vivienne

 

Schreibe einen Kommentar