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24.04.2005, © Vivienne
Wenn man keinen Ausweg mehr sieht
Ein junger Mann wirft sein Leben weg.
Nicht simpel.
Nicht plötzlich.
Sondern wohl überlegt.
Und auf Nummer sicher.
Brutal sicher.
Tatsächlich passiert.
In der Nachbargemeinde.
Erst vor kurzem.
Ich erwähne hier keine Details.
Weil es furchtbar war.
Grauenhaft.
Weniger die Art und Weise wie er aus dem Leben ging
Als vielmehr weil er wirklich sterben wollte.
Ohne Hintertür
Der Mann war noch so jung.
Viel jünger als ich.
War er doch schon so desillusioniert.
Ohne Perspektive.
Unfähig, sich noch einmal einen Ruck zu geben.
Etwas Neues zu probieren.
Es gibt zwei Arten von Selbstmördern.
Wenn man sie simpel unterschiedet.
Die einen wollen nur auf sich aufmerksam machen.
Die Schlaftabletten.
Die aufgeschnittenen Pulsadern.
Im Grunde wollen sie gefunden werden.
Und gerettet
Andere lassen keine Hintertür offen.
Sie wollen sterben.
Alles hinter sich lassen.
Weil sie es nicht mehr ertragen.
Ein Schnitt alles aus.
Nichts mehr wissen, nichts mehr denken.
Endlich vorbei
Ein Mensch an diesem Scheideweg.
Er muss am Boden liegen, wenn er so denkt.
So oder so.
Was mich am Schicksal des jungen Mannes so traf
Nicht nur dass er so jung war.
Sondern dass er keinen Ausweg mehr sah.
Wie tief liegt so ein Mensch am Boden?
So wird man nicht geboren!
Welch ein Schicksal steckt hinter einer Schlagzeile in der Zeitung?
Ein junger Mensch begeht Selbstmord.
Er sucht keine Hilfe.
Er redet sich nicht aus.
Er flüchtet nur in den Alkohol.
Immer und immer wieder.
Bis auch der vermeintliche Sorgentröster nicht mehr wirkt.
Ein stummer Hilfeschrei.
Den keiner wahrgenommen hat.
Vielleicht.
Vielleicht hat auch der Bursch niemanden mehr gesehen.
Obwohl es Hände gab.
Die ihm gereicht wurden.
Die ihm mehr anboten.
Als leere Phrasen.
Oder eine durchzechte Nacht.
Niemand weiß es.
Die Leute sind betroffen.
Sie werden eine Weile reden.
Von seinem grauenhaften Tod.
Den niemand erwartet hat.
Von seiner Familie.
Die schon manches durchgemacht hat.
Und dann kehrt wieder der Alltag ein.
Aber ich frage mich:
Was lenkt das Leben eines Menschen in diese Sackgasse?
Oder besser gesagt an diesen Abgrund?
Was muss alles passiert sein?
Der Bursch hat geschluckt und geschluckt.
Und konnte sich wohl auch nie ausreden.
Ob er Freunde hatte?
Oder nur falsche?
Die mit ihm trinken gingen.
Aber wohl keiner der mal für den Menschen Zeit hatte.
Für das verletzbare Innere.
Wie leer fühlte sich der junge Mann wohl?
Und wie verlassen?
Ich weiß es nicht.
Ich habe ihn nicht gekannt.
Es tut weh, wenn jemand so aus dem Leben geht.
Und sich selber alle Möglichkeiten aus der Hand nimmt.
Die er trotz allem noch hatte
Vivienne
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