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11.06.2005, © Vivienne

Wie konnte ich nur!

Es wird langsam dunkel.
Aber ich möchte nicht heim.
Nicht heim, in meine leere Wohnung.
Nicht heim, wo niemand auf mich wartet.
Nicht heim, wo du nie mehr sein wirst…

Warum habe ich es dir nie gesagt?
Du warst mir so wichtig.
Mein bester Freund.
Mein liebster Freund.
Nicht mein Geliebter…
…aber vielleicht viel mehr.
Eine sichere Größe in meinem Leben.
Verlässlich.
Ich brauchte nur SOS funken!
Du hast mich getröstet.
Aufgefangen.
Gewärmt.
Ja, du bist schwul.
Aber das hat mich nie gestört.
Warum auch?
Uns verband weit mehr als Lust.
Ich hatte dich so lieb wie man jemand lieb haben kann.

Und du mich auch.
Das spürte ich.
Ich hätte dich auch oft gern in den Arm genommen.
Einfach gedrückt.
Aus reiner Zuneigung.
Die ich mir selbst oft nicht erklären konnte.
Ich war ja nicht verliebt!
Und wir waren nicht verwandt.
Aber ich ließ es bleiben.
So wichtig war’s mir dann nicht.
Du hättest es missverstehen können.
Und darum nur Worte.
Wir weinten uns aus, wenn wir Liebeskummer hatten.
Wir träumten gemeinsam unseren Traum von der großen Liebe.

Ich kann kaum mehr die Hand vor dem Gesicht sehen.
Und ein Schwarm Gelsen verfolgt mich.
Schließlich bleibe ich stehen.
Soll ich nicht doch umdrehen…
Heimkehren…?
Ich spüre die Tränen noch auf meinem Gesicht.
So eine blöde Situation.
Lächerlich im Grunde.
Heute Nachmittag im Café.
Ein Bekannter schimpfte über alle Schwulen.
Und schließlich stimmte ich auch ein.
Ich meinte es nicht so.
Ich dachte nur ich muss mit den Wölfen heulen.
Und plötzlich standest du neben mir.
Du hattest jedes Wort gehört.
Und verstanden.
Ich las den Schmerz in seinem Gesicht.
Und die Enttäuschung.
Dann hast du dich umgedreht.
Und bist weggelaufen.
Ich sah dir nach.
Brachte kein Wort heraus.
Dann rannte ich dir nach.
Ich schrie deinen Namen.
Ich weinte.
Aber du drehtest dich nicht um…

Ich stehe noch immer da.
Mein Innerstes hat sich völlig verkrampft.
Ich spüre es wie einen Stein.
Wie soll mein Leben weitergehen ohne dich?
Ohne den Halt, den du mir gegeben hast.
Ohne je zu fordern.
Ohne je zu fragen wie spät es ist.
Wenn ich dich wieder mitten in der Nach anrief?
Immer warst du da.
Und ich?
Ich mache mich lustig über dich.
Ich trete deine Gefühle mit Füßen.
Einfach so.
Niemand hat es von mir verlangt.
Ich wollte mich wichtig machen.
Und jetzt bist du fort.
Unsere Freundschaft ist zerrissen.
Wie konnte ich nur?

Ich wusste dich einfach nicht zu schätzen…

Vivienne/Gedankensplitter

 

 

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