von Michael Kuss (www.Michael-Kuss.com)
Sie hatte mich überhaupt nicht angebettelt. Hatte kein Wort gesprochen. Hockte nur da, ängstlich und unterwürfig in die Ecke gekauert. Als wollte sie sich mehr vor den Menschen schützen denn vor der nassen Kälte. Der Wind peitschte den Schneeregen an diesem Vorweihnachtstag durch die Straße meines Stadtteils Im Vorbeigehen trafen sich unsere Blicke. Warum muss ich Menschen auch immer in die Augen schauen? Etwas schmerzte mich. Ein Schmerz, den auch der beste Mediziner nicht lokalisieren kann. Ich sah in die andere Richtung, ging schneller, blickte Hilfe suchend auf meine Uhr.
Der Ausdruck ihrer Augen! War es Angst? Fatalistische Ergebenheit? Ein Fünkchen Hoffnung? Augen eines Menschen, der jeden Moment damit rechnet, mit Worten oder einem Knüppel geprügelt zu werden. Wie ein heruntergekommener Straßenhund, der zusammengekauert, unterwürfig und schweigend den Schwanz eingezogen hat, und dessen Augen fragen: „Kommt jetzt der nächste Fußtritt? Der nächste schmerzhafte Steinwurf?“
So gelangweilt wie möglich schielte ich auffällig unauffällig um die Ecke. Keiner meiner Nachbarn und Hausmitbewohner durfte sehen, wie ich dieser verwahrlosten Frau in der nassen Straßennische Interesse bekundete. Nicht auszudenken, diese Peinlichkeit, wenn die Nachbarn heimlich tuscheln oder gar Intrigen gegen mich spinnen würden. In unserer Straße ist die Wohlanständigkeit und die bürgerliche Fassade zu Hause. Nicht nur an Weihnachten. Aber da besonders! Und dieses Stück Lumpen da in der Ecke, diese aufgedunsene Alte mit dem dicken, schwammigen Bauch und den strähnigen Haaren, die gehörte überall hin, aber nicht hier in unser sauberes Stadtviertel.
Die Alte!? Ist sie Fünfundzwanzig oder Fünfundfünfzig? Ein ausrangierter Jahrgang in der sozialen Gosse ist schlecht einzuschätzen. Haare wie ein alter Besen auf dem Müll. Ungewaschen das ausgemergelte, blass-graue und schlecht durchblutete Gesicht. Eine kaum verkrustete Wunde über dem Mund. Die Backenknochen unter den wie tot scheinenden Augenhöhlen lassen an Magengeschwüre denken. Ein Pelzjäckchen aus besseren Zeiten spannt sich um den aufgedunsenen Bauch. Ein ausgefranster Wickelrock. Das gerissene Oberleder der Schuhe von den Sohlen getrennt. Die Sohlen offen wie das Maul einer Kröte. Keine Strümpfe. Nur Mullbinden. Aus dem Mull kroch der Ekel. Daneben zwei pralle Plastikbeutel und eine schmuddelige Reisetasche mit einem Stück Kordel als Griff. Aus der Tasche quollen verschmutzte nasse textile Habseligkeiten zum Erbarmen. Den Schönheitspreis für eine Vogelscheuche könnte sie gewinnen!
Den Tag verbrachten wir bei Freunden. Barbara und ich kamen erst am Heiligabend in die schmuddelige Stadt zurück. Gegenüber meinem Parkplatz lag der ungepflegte Pummel gekrümmt auf einer Bank. Neben ihren prallen Beuteln stand eine leere Weinflasche. Die Frau röchelte im Halbschlaf und wälzte sich unruhig auf die Seite. Wahrscheinlich vollgesoffen! Na schön; – dieses Elend ist ja nur im Suff zu ertragen. Ich holte aus dem Wagen meine Hundedecke, mit der ich nachts den Motor abdeckte und die Batterie warm hielt, und legte sie über die Schlafende. Ob mein Auto morgen anspringen wird?
Meine Wohnung war warm und angenehm. Victor lag im Wintergarten und blinzelte mich an. Ich streichelte ihm das Fell unter dem Hals. Er kuschelte seinen Kopf zwischen meine Hände. Barbara kraulte mir die Ohren.
Da kam mir der Gedanke!
Eigentlich könnte ich jetzt die Frau von der Straße mal kurz heraufholen! Wenigstens für diese Weihnachtsnacht. Ich würde Glühwein machen. Wir könnten zusammen rauchen, essen, und die Frau könnte aus ihrem Leben erzählen, von früher, und wie es denn gekommen war, warum sie jetzt, und ausgerechnet an Weihnachten…?!
„Ich brauche nicht viel!“ wird sie sagen. „Ich habe nie viel gewollt. War immer mit wenig zufrieden!“
„Das war Ihr Fehler!“ werde ich antworten. „Sie hätten mehr vom Leben fordern sollen! Wer nicht fordert und immer nur klein beigibt, ist am Ende der Dumme!“
Ich erschrak!
Wenn sie mich wörtlich nimmt? Wenn sie sich bei uns einnistet! Sich häuslich nieder lässt? Ich kenne sie doch überhaupt nicht! Und Barbara kann ich mit diesem verrückten Vorschlag schon gar nicht kommen! Irgendwo hat auch Barbara Grenzen. Weihnachten, gut und schön! Aber ausgerechnet eine Pennerin? Wir hätten ein Paket für ein Waisenhaus herrichten können!? Oder wieder einmal zum Weihnachtsgottesdienst gehen und einen Geldschein in die Kollekte stecken. Ich kann dem wildfremden Lumpenbündel morgen früh doch nicht sagen, also liebes Mädchen, das war’s, und nun Husch-Husch zurück auf die kalte Straße? Vielleicht müsste ich auf’s Sozialamt mit ihr rennen? Den Bürokraten lang und breit alles erklären. Womöglich machen die mich sogar verantwortlich und haftbar wie einen Familienangehörigen! Was man da so hört, wie es auf den Sozialämtern zugeht… Ich würde Zeit verlieren und Ärger haben! Ich habe Arbeit und Ärger genug! In drei Tagen ist Redaktionskonferenz. Da wird’s ohnehin heiß und hoch hergehen! An meinem Ast wird gesägt. Ich muss sehen wo ich bleibe…
Oder die Alte stibitzt mir was? Sachen, die ich für meinen Beruf, zum Geldverdienen, für meinen kleinen und überschaubaren Lebensstandard brauche! Und außerdem, die Nachbarn! Ich muss die zerrissene Alte doch durch’s hell erleuchtete Treppenhaus aus falschem Marmor schleusen. Da kommen und gehen immerzu Menschen! Ich leb‘ doch mit dem ganzen Haus in freundlichem Einvernehmen! Soll ich das alles auf’s Spiel setzen?! Die Alte wird stinken und Ungeziefer haben, und was weiß Gott noch alles…
Nach dem Fernsehfilm räumte Barbara den Tisch ab und legte Victor noch ein saftiges Hühnerschenkelchen hin. Er schnupperte daran, stieß es mit der Schnauze zur Seite und sah uns halb vorwurfsvoll, halb verständnislos an. Höchste Zeit, unseren Victor, meinen zuverlässigen Freund, diesen klugen, kräftigen Schäferhund auszuführen! Er kannte seine Zeiten. Mit wedelndem Schwanz stand er freudig erregt an der Tür und leckte mir die Hand.
Rechts drüben sah ich die Blinklichter des Rettungswagens. Zwei Weißgekleidete schoben die Frau auf einer Bahre in das rote Auto. Irritiert ging ich näher heran. Der Polizist schaute mich an. „Sie ist tot!“ brummte er. Dann fragte er mich „Kennen Sie die Frau?“ Seine Stimme hatte sich gehoben und ließ ein bisschen Diensteifer erahnen. „Nein!“ antwortete ich. „Ich habe sie nur ein paar mal hier herumhängen sehen! Offensichtlich eine Wohnsitzlose…!“ Der Polizist verstaute die Papiere, hantierte am Funkgerät herum, dann fuhren sie weg. Ich rief meinen Hund; wir gingen durch das falsche Marmortreppenhaus nach oben. Am Fahrstuhl traf ich auf Professor Maybaum und seine Gattin, unsere Nachbarn vom Penthouse gegenüber. Sie gingen zur Mitternachtsmesse, sagte sie, und wir grüßten uns freundlich.