Neue Bohnen Zeitung


KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne  –  Jänner 2003



„… dass dich ein anderer Mann einmal sein eigen nennt…“

Der Gassenhauer, aus dem ich an dieser Stelle zitiere, in dem ein Mann über die übergroße Liebe zu seiner Freundin spricht, ist Ihnen sicher ein Begriff. Vor wenigen Tagen hat es wieder ein Mann nicht ertragen, dass sich seine Freundin von ihm löste und auf seine „angestammten“ Rechte sozusagen pfiff: er ermordete sie und ihre Mutter, weil er „den Gedanken, dass sie einmal ein anderer Mann sein eigen nennen wird“ nicht ertrug. Und das um jeden Preis der Welt verhindern wollte: wenn du nicht mir gehörst, dann auch keinem anderen. Nicht der erste Mord (oder soll man sagen nicht die erste „Hinrichtung“(?)) der (die) aus solch kranker Motivation und Rechtfertigung heraus geschah.

Im Grunde genommen soll man sich in die Beziehungen, in das Leben anderer Leute nicht hineinmischen. Jeder hat das Recht, nach seiner Fasson selig zu werden, jeder soll eine Beziehung so führen, wie er es für richtig hält. Gottes Zoo ist groß, und es wäre traurig genug, wenn jeder gleich wäre, gleiche Vorstellungen von seinem Privatleben hätte, die selben Vorlieben hätte, auf die selbe Art und Weise leben wollen würde. Was für mich passt, muss nicht selbstverständlich für jeden anderen auch passen. Aber das Zitat aus besagtem Gassenhauer, in dem die Freundin fast selbstverständlich als „Eigentum“ eingestuft wird, ist mir früher schon sauer aufgestoßen. Niemand ist jemandes Eigentum (jeder Mensch ist frei, zu lesen in den Menschenrechten), das sei ganz klar gesagt, auch nicht in einer Beziehung. Eine Beziehung lebt meiner Ansicht nach sogar durch die Individualität der einzelnen Persönlichkeiten.

Mann und Frau haben sich in den letzten Jahrzehnten verschieden entwickelt. Die Frauen wurden selbständiger im Sinne von eigenständig und selbstbewusst und schafften es, sich viele Freiräume zu schaffen, die sie früher nicht hatten. Sehr viele Ehefrauen gehen heute selbstverständlich arbeiten, auch wenn es das Familienbudget nicht verlangt, um „eigenes Geld“ zu haben, um sich selbst schöne Dinge kaufen zu können ohne die Notwendigkeit der Einwilligung des Gatten. Frauen erwerben sich auch einen eigenen Pensionsanspruch, wohl wissend, dass die Ehen heute nicht mehr im Himmel geschlossen werden und statistisch gesehen zum Teil schon sehr früh scheitern. Sie gehen damit einer möglichen finanziellen Abhängigkeit vom Gatten im Alter aus dem Weg. So mancher Mann hat diese Entwicklung verschlafen, lebt im Kopf mehr oder weniger noch Jahrzehnte hinten. Und wenn seine selbstbewusste Freundin ihm den Laufpass gibt, aus welchen Gründen auch immer, dreht der eine oder andere deswegen durch.

Diese Tragödien haben aber meiner Meinung nach nicht nur die mangelnde Lernfähigkeit der Männer als Ursache. Manchen wird in der Beziehung der Eltern schon ein gewisses Rollenspiel vorgelebt: der Vater, der trinkt, unregelmäßig arbeitet und die Frau und die Kinder schlägt, wenn ihm etwas nicht passt oder gegen den Strich geht. Wer so aufwächst und nicht selber erkennt und durchschaut, dass so eine Lebensform nicht erstrebenswert ist, lebt die Rolle des Vaters dann weiter, im Extremfall mit tödlicher Konsequenz für seine Gefährtin. Seelenkrüppel, meiner Ansicht nach, die es nie verstanden haben, Dinge zu hinterfragen sondern fast triebhaft nur ihren eigenen Willen anerkennen. Die nicht diskutieren oder eine Aussprache mit einer bestmöglichen Lösung für beide suchen sondern gleich zuschlagen oder eben auch zur Waffe greifen: Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht …(?)

Aber es gibt noch einen weiteren Typus unter jenen Amokläufern. Da finden sich durchaus auch Männer, die in den besten Verhältnissen groß geworden sind. Die keinen Mangel kannten (außer an Liebe ihrer Eltern, die sich mit teuren Geschenken und Zuwendungen von der Verantwortung der Fürsorge für den Sohn „loskauften“) und denen jeder materielle Wunsch erfüllt wurde: der teure Computer, der nigelnagelneue BMW oder Mercedes, der Urlaub auf Hawaii, die Eigentumswohnung in bester Lage… Und die aus diesem Grund nie gelernt haben zu verzichten oder was es heißt ein „nein“ von jemand anderem zu akzeptieren. „Weil ich krieg alles!“ So einer sieht halt bisweilen auch nur den Tod seiner Freundin als Ausweg, wenn sie wegen eines anderen weggeht…

Das schlimme an solchen Tragödien ist, dass sie immer wieder passieren werden, weil das Gesetz die potentiellen Täter schützt. Wie viele Frauen werden vom Gatten oder Ex-Freund mit dem Umbringen bedroht, wie sie ihn verlassen wollen! Wie oft rufen sie bei der Polizei an oder sprechen selber vor und werden nur vertröstet oder gar belächelt. Unsere Gesetzeslage sieht so aus, dass etwas „passieren“ muss, im krassesten Fall die betroffene Frau sterben muss, damit unsere Freunde und Helfer eingreifen können. Das ist noch viel kranker und lebensferner als die Typen selbst, die ihre Frauen tyrannisieren und ihnen keine Eigenständigkeit zugestehen können und wollen. Woran liegt das? Sitzen in unserer Legislative etwa auch genügend einflussreiche Leute, die diesen „Eigentumsanspruch“ eines Mannes an seine Frau oder Freundin unterstützen und indirekt mit solchen Überlegungen sympathisieren?

Fast scheint es so, denn es geschieht nichts, was diesen Frauen in irgendeiner Form echt und lebensnah hilft. Wir alle lesen ja auch nur in den Zeitungen darüber, sind momentan erschüttert, zumindest für einige Minuten, dann wird wieder zur Tagesordnung übergegangen. Uns betrifft das ja Gott sei Lob und Dank nicht, und einen Prozess gegen den Mörder gibt es im seltensten Fall, da er sich meistens nach der Tat selber richtet. Oder besser gesagt: er schleicht sich feige aus dem Leben, weil er die Konsequenzen für sein Tun nicht tragen will, obwohl ihn der Gesetzgeber, durch die Mithilfe gewiefter Anwälte, in vielen Fällen auch nur vergleichsweise mit Samthandschuhen angreifen würde. Geben wir es doch zu, so ein richtiger Mann lässt sich doch nicht die Frau wegnehmen!  Während bei uns in Österreich noch immer die Koalitionsverhandlungen laufen und die Regierungsarbeit brach liegt, könnte auch in dieser Richtung so viel Nützliches in die Wege geleitet werden. Aber daran besteht wohl kein echtes Interesse – bis zum nächsten Mord dann! meint

Vivienne

 

Link: Alle Beiträge von Vivienne

 

 

Schreibe einen Kommentar