KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne – Juli 2003
Die trüben Aussichten unseres Gesundheitssystems
Unsere Regierung, die Zweitauflage von Schwarz-Blau, hat es sich ja an die Fahnen geheftet, unser Budget zu sanieren und fährt daher ein rigoroses Sparprogramm mit uns (das allerdings die Politiker selber ausspart, wie man zu Recht anmerken muss). Teure Abfangjäger passen zwar dennoch ins Schema (das erkläre einem, wer will), aber sonst wird der Rotstift angesetzt. Die trotz Streiks durchgepeitschte Pensionsreform war da nur ein Etappenziel, das beinhart verfolgt wurde. Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt unser Gesundheitssystem dar, von dem es schon lange heißt, es sei nicht mehr finanzierbar die Krankenkassen jammern ja in regelmäßigen Abständen. Letzten Dienstag setzte sich der Report in ORF2 unter dem Titel Bittere Pillen mit diesem Thema auseinander.
Der ORF hatte aus diesem Grund auch unsere Gesundheitsministerin Rauch-Kallat geladen und befragte sie zur Causa. Sozusagen als Einstimmung präsentierte das Report-Team einen Bericht über die Situation in Deutschland, bei dem man Gänsehaut bekam. Unter der dortigen Rot-Grünen-Regierung (!) wird die Ärzteschaft zu rigorosem Sparen gezwungen. Was in der Praxis heißt, dass Ärzte nur die billigsten Medikamente verschreiben dürfen oder besser gesagt, nur den Wirkstoff, den das Medikament enthalten darf. Die Apotheken entscheiden dann willkürlich, was der Patient erhält. Wenn ein Arzt trotzdem bei der Verschreibung einen bestimmten Prozentsatz des ihm zugebilligten Budgets überschreitet, wird er vorgeladen und muss er sich rechtfertigen.
Rauch-Kallat, darauf angesprochen, war um Beschwichtigung bemüht und wies darauf hin, dass es ihr nur darum ginge, die Medikamentenflut einzudämmen. Eingespart müsse aber in jedem Fall werden. Es ist schon richtig, dass kostengünstigere Medikamente nicht schlechter wirken müssen als teure (wie auch im Bericht aus Deutschland hingewiesen wurde: Präparaten, bei denen das Patent ausgelaufen ist, werden automatisch billiger!). Aber trotzdem sind halt Mittel mit ähnlichen Wirkstoffkombinationen trotzdem nicht völlig gleich in ihrer Wirkstoffweise. Ist ja im Grunde bei Lebensmitteln auch nicht anders: der eine schwört auf Kaiser-Bier, der andere lässt sich sein Gösser nicht vermiesen. Und niemand wird in diesem Fall bestreiten, dass bei allen Biersorten die Inhaltsstoffe so gut wie gleich sind…
Meine Eltern sind beide Pensionisten, an die bzw. über 70 Jahre alt, und durch chronische Krankheiten regelmäßig auf Medikamente angewiesen. Bei meiner Mutter ist der Fall besonders heikel, da ein nicht behandelter Kropf ihr über Jahrzehnte Herz, Nieren und Leber geschädigt hat. Vor ein paar Jahren hat ihr der Hausarzt nun statt der Medikamente, auf die sie sehr gut eingestellt war und die ihre Lebensqualität enorm verbessert haben, günstigere Medikamente verschrieben auch damals spielten schon Einsparungsmaßnahmen eine Rolle. Willig holte meine Mutter sich die neuen Präparate aus der Apotheke, aber schon nach nicht einmal zwei Wochen war sie völlig verzweifelt: die anderen Medikamente wirkten erstens nicht so effizient bei ihr, zudem hatten sie Nebenwirkungen, die sich besonders am kranken Herz auswirkten. Sie setzte sich mit der Gebietskrankenkasse in Verbindung, wo man sich ausredete und den Ball zurück an den Hausarzt spielte.
Ein Gespräch mit dem Mediziner, in dem meine Mutter auf die negativen Auswirkungen der neu verschriebenen Medikamente hinwies, überzeugte diesen schließlich, ihr wieder die gewohnten zu verschreiben. Ein wenig Menschlichkeit sowie die Tatsache, dass der Arzt nur mehr wenige Jahre zur eigenen Pension hat, haben ihm diesen Schritt sicher leichter gemacht. Gezeigt hat es mir trotzdem, dass man sich krank sein in Österreich nicht mehr leisten wird können. Ich bin davon überzeugt, dass ein Einlenken wie im Falle meiner Mutter nicht die Norm ist im Sozialstaat Österreich. Ältere wie chronische kranke Leute werden in Zukunft noch deutlicher spüren, dass der Staat, sprich unsere Regierung, an ihnen vorrangig spart. Man hat das Gefühl, dass nur gesunde und junge Leute in einem Staat erwünscht sind. Einmal alt und/oder rekonvaleszent, haben sie ihre Schuldigkeit erfüllt und bedürfen keiner besonderen Betreuung oder keines speziellen Schutzes. Man braucht sie nämlich nicht mehr, betreuungsbedürftig oder krank fallen sie den Steuerzahlern schließlich nur zur Last…. Kein Zufall, dass gerade ein junger, dynamischer Finanzminister in unserem Land diesen Jugendkult vorantreibt.
An dieser Generation wird der Einsparungswahn im Gesundheitswesen noch halbwegs vorübergehen, auch wenn es die eine oder den anderen schon ordentlich herbeutelt, weil sich immer mehr Schranken und Probleme auftun. Ich möchte im Moment gar nicht an meine eigene Pension denken, nicht nur, weil ich mich fragen muss, ob ich überhaupt einmal von meiner Rente leben kann. Wenn ich mir vorstelle, wie Vater Staat vermutlich hinkünftig auf seine Alten und Kranken schauen wird, macht mir das mehr Angst als ein paar Gruselschocker im Fernsehen. Keine Frage, in der Vergangenheit wurde viel falsch gemacht in unserem Gesundheitssystem. Viel zu viel Geld wurde teilweise auch sinnlos verschwendet und verplempert. Ich weiß noch, dass Medikamente, als ich ein kleines Kind war, nur ein paar Schillinge kosteten, aus Erzählungen ist mir bekannt, dass es einige Zeit gar keine Medikamentengebühr gab. Da hätte man zum Beispiel ansetzten können. Doch es ist müßig, diesen groben Versäumnissen seinerzeit nachzuweinen.
Wenig Sinn macht es trotzdem, gerade die Schwächsten der Gesellschaft, die keine Lobby haben, die Budgetmisere ausbaden zu lassen. Eine große, kleinformatige Tageszeitung rechnet der Regierung heute Samstag vor, dass durch weniger Spitalsaufenthalte, sprich: die Einschränkung der Tage im Spital, sehr viel mehr gespart werden könnte als die geplanten Reformen bringen würden. Doch daran hat niemand bei Schwarz-Blau Interesse: vertritt doch diese Zeitung ganz offen ihre Sympathie für die Neuauflage einer großen Koalition. Und unser Kanzler sieht sich bekanntermaßen gemüßigt, sich für in der Vergangenheit der Partei und ihm selbst zugefügte Demütigungen bei den Roten zu revanchieren. Recht hat er, ist doch egal, wenn das Unschuldige ausbaden müssen, meint
Vivienne
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