KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne – November 2003
Macht und Ohnmacht des ÖGB
Aus den umstrittenen Streiks der ÖBB ist ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch gestärkt hervorgegangen. Auch bei den Streiks der AUA-Angestellten vermittelte er und erreichte mit seinem Engagement, dass die Arbeit wieder aufgenommen wurde. Im Report war ihm kürzlich auch ein eigener Beitrag gewidmet, in dem demonstriert wurde, wie sehr Verzetnitsch bei inneren Machtkämpfen von diesen Erfolgen zehren konnte und kann. Wider Erwarten haben die ÖBB durch diese Schützenhilfe also auch sehr viel erreicht, und die Regierung konnte ausnahmsweise nicht wie mit dem Zug drüberfahren, wie sie es so oft zuvor allein in diesem Jahr vorexerziert hat. Der ÖGB hat wieder Hörner gezeigt, was ich nicht übel finde, weil die SPÖ selber aus dem Lawinenverhalten der schwarzblauen Regierung, die alles überrollt, selber ja kein Kapital schlagen kann. Erst jetzt der ÖGB scheint die Position eines ernst zu nehmenden Widerparts zur Mitte-Rechts-Regierung Wolfgangs Schüssel eingenommen zu haben.
Und trotzdem bleibt bei mir ein schaler Geschmack. In gewerkschaftlich stark organisierten Betrieben wie eben den ÖBB tritt die Gewerkschaft eisern auf und das mit Erfolg. Dass sich in anderen, kleineren Betrieben in Österreich aber um Arbeitnehmer Geschichten abspielen, die teilweise zumindest wie moderne Sklaverei anmuten oder fast wie ein schlechter Scherz klingen, scheint sich in die Höhen der ÖGB nicht herumgesprochen zu haben. Oder aber man hat dort diese eklatanten Arbeitsrechtverletzungen zur Kenntnis genommen und resigniert…
Ein paar Beispiele gefällig?
Beispiel Nr. 1: Im Zentrum von Linz steht ein großes Call Center. Rund um die Uhr arbeiten die Angestellten dort, auch Sonn- und Feiertag. Schon dass diese 10 Überstunden im Monat unbezahlt leisten müssen, ohne sich dagegen wehren zu können, weil jene kostenlose Arbeitszeit von der Firmenleitung fix eingeplant wird, scheint im 21. Jahrhundert fast unglaublich, ist aber nichts desto Trotz wahr. Ebenso kaum nachvollziehbar sind die Fakten, dass es für die Agents keine Sonn- oder Feiertagszuschläge gibt und jeder von ihnen bereit sein muss, auch kurzfristig alle Wochenendpläne zu begraben, wenn Not am Mann oder an der Frau ist. Kaum ein Vollzeitbeschäftigter geht dort im Normalfall unter 46 48 Stunden in der Woche heim.
Alle Versuche engagierter Leute, sich in der Firma wegen eines Betriebsrates zu bemühen, werden von der Firmenleitung brutalst unterdrückt. Wer auf diese verwegene Idee kommt, darf sich schneller um einen neuen Job bemühen, als er schauen kann. Die Arbeitsverträge spotten jeder Kritik und sind selbst für AK-Experten schwer durchschaubar. Der Überhammer jedoch an diesen Zuständen, die sprichwörtlich ans alte Rom gemahnen: Das AMS weiß genau Bescheid und vermittelt trotzdem Arbeitslose en masse an diesen Betrieb. Und wenn man die Leute nur für ein paar Monate vermitteln kann die Fluktuation ist natürlich enorm sieht man über diese groben Arbeitsrechtsverletzungen hinweg. Auch die AK nahm trotz der bekannten Umstände für seine Hotlines immer wieder die Dienste des Unternehmens in Anspruch
Beispiel Nr. 2: Ein bekannter österreichischer Großhandelsriese mit Filialen in jedem Bundesland besitzt ebenfalls die Lizenz zum Gesetzesbruch: Ein Mitarbeiter und seine Frau, beide schon über 10 Jahre in der Firma, bekamen das im heurigen Sommer zu spüren. Die Frau stürzte vor ein paar Monaten und verletzte sich am Knöchel. Sie bagatellisierte die Blessur am Anfang, doch in der Nacht wurden die Schmerzen unerträglich. In der Früh rief ihr Mann in der Firma ordnungsgemäß an, erzählte den Sachverhalt und brachte seien Gattin ins Unfallkrankenhaus. Dort wurde ein Knöchelbruch diagnostiziert, weshalb der langjährige Mitarbeiter mit etwas Verspätung in die Firma kam. Aber kein bisschen Verständnis von Seiten des Chef, der ihn im Gegenteil wie einen Rotzbuben behandelte, ihn trotz über 120 Überstunden zwang, die Zeit im Spital hereinzuarbeiten (!) und sich sogar beim Betriebsrat erkundigte, ob es eine gesetzliche Handhabe gäbe, den Mitarbeiter deswegen fristlos zu entlassen! Apropos Betriebsrat: seine Vorgängerin, die über 10 Jahre ihre Position innehatte, genoss alle Vorteile, weil sie über Jahre das Bett mit dem Leiter des Unternehmens teilte wovon übrigens jeder in der Firma wusste…
Es gäbe vermutlich endlos Vieles in dieser Richtung zu erzählen. Schade halt, dass der Gewerkschaft nur ihre großen Bastionen wirklich wichtig sind. Firmen wie die obige angeführten fallen durch den Rost und Zustände wie vor 100 Jahren feiern fröhliche Urstände. Gemeinsam sind wir stark? Im Grunde ist in solchen Unternehmen jeder auf sich selbst angewiesen und erträgt halt alles, solange es die persönliche Schmerzgrenze zulässt. Von den Arbeitnehmervertretern kann man sich nicht wirklich erwarten, auch nicht vom ÖGB. Man argumentiert dort, man unterstütze nur die, die entsprechend gewerkschaftlich engagiert sind, und das wissen genügend Betriebe zu verhindern.
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