KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne – September 2003
Unser Schönheitswahn kennt keine Grenzen…
Nichts Neues, dass auch die hehre Männerwelt immer öfter selber zum Make-Up greift, sich die Haare stylt und im Bad schon fast genau so lange braucht wie die bessere Hälfte. Nichts Ungewöhnliches, dass Frauen ab spätestens Ende dreißig regelmäßig den Busen straffen oder ungeliebte Falten beim Schönheitschirurgen in kurzen Eingriffen wegmachen lassen. Immer öfter sind junge Mädchen mit ihrem Äußeren total unglücklich und wünschen sich bereits im Teenager-Alter eine neue Nase so wie andere ein eigenes Auto. Schauspielerinnen oder Models lassen sich üblicherweise die Brüste vergrößern oder Fett absaugen um damit weiter gängigen Schönheitsstandards zu entsprechen: gerade in dieser Branche muss frau schließlich konkurrenzfähig bleiben…
Da glaubt man also, man kennt alles, bis hin zu den Penisvergrößerungen jener Torfköpfe, die glauben, dass die Länge einen Mann ausmacht und sonst gar nichts. Doch dieser Tage flatterte eine Email meiner Kollegin Nigthdreams in meinen Posteingang, eine Email mit einem Artikel, der den provokanten Titel Design-Vagina trug und der mich veranlasste, kurzfristig die mir aus beruflichen Gründen selbst auferlegte Schreibpause bis auf weiteres zu unterbrechen. Zu sehr forderten die Fakten meinen Widerspruch heraus als dass ich diesen neuen kranken Trend in Sachen Schönheitschirurgie unkommentiert lassen hätte können.
Design-Vagina heißt also der Artikel und trifft damit auch gleich den Kern der Sache. Ob sie es nun glauben oder nicht, liebe Leser, in den Vereinigten Staaten vereinbaren Frauen fast aller Gesellschaftsschichten (dazu jede Menge Schönheits-Touristinnen aus aller Herren Länder) immer öfter einen Termin beim Schönheitschirurgen ihres Vertrauens um in seiner Ordination die Beine breit zu machen aber nicht zwecks Seitensprungs mit ihm sondern um eine chirurgische Veränderung ihrer Vagina vornehmen zu lassen. Auch der Genitalbereich der Frau ist – wie sollte es anders sein im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewissen Normen unterworfen und frau, die etwas auf sich hält, muss bereit sein, sich für das neue Schönheitsideal unter das Messer zu legen.
Mit hochgezogenen Augenbrauen konnte ich in besagtem Artikel nachlesen, was Ärzte, die sich auf diesen Bereich spezialisiert haben, am Unterleib einer Patientin ändern können, wenn das Kleingeld stimmt: der Venushügel wird vergrößert (wenn nötig mit Eigenfett aus den Oberschenkeln), Schamlippen werden der Norm angepasst und je nach Ausdehnung mit Laser vergrößert oder verkleinert und selbst vor dem Innenleben der Vagina wird nicht halt gemacht: die Scheide wird verschmälert um beim Sex höchsten Ansprüchen genügen zu können. Ob zusätzlich auch in einem Aufwischen für eine dauerhafte Befeuchtung derselben in Sachen Lust gesorgt wird (Allzeit bereit…), ließ der Bericht allerdings offen.
Für mich jedoch der Oberhammer, im wahrsten Sinn des Wortes: Auch Jungfernhäutchen können rekonstruiert werden und damit nimmt jener Anachronismus reale Formen an, dass eine Frau zweimal oder öfter entjungfert werden kann. Trau keiner Frau… Interessant vermutlich vor allem für betuchte Kundinnen aus dem arabischen Raum, Töchter einflussreicher Familien, die einem ungeliebten Mann versprochen sind, aber bis zur Verehelichung nichts anbrennen lassen wollen. Davon hab ich schon vor ein paar Jahren mit Kopfschütteln gelesen, aber dass diese Möglichkeiten auch für Frauen aus westlichen Ländern interessant sein könnten, entzog sich bisher meiner Kenntnis. Ob es Spaß macht, mit so einer Wahnsinnslüge eine Beziehung zu beginnen?
Jetzt abgesehen davon, finden Sie das nicht auch krank? Allgemein, ich spreche jetzt nicht von Leuten, die durch Unfälle entstellt oder einfach z. Bsp. von Mutter Natur mit einer großen und schiefen Nase geschlagen worden sind, die einem wirklich seelisch zu schaffen macht: niemand hat im Normalfall eine chirurgische Verschönerung nötig. Depressionen bei Teenagern entstehen ja heute vielfach nur dadurch, weil sie Bravo durchblättern und feststellen müssen, dass sie nicht über das unvergleichliche Hinterteil von J.Lo oder den Busen von Brittney Spears verfügen… Gott, wie krank ist diese Welt geworden!
Es ist unwesentlich, wie du als Mensch bist sofern du dich nur schon oft genug und bei Bedarf immer wieder vom Schönheitschirurgen verbessern hast lassen. Ein paar Falten, einen hängenden Busen oder zu große Schamlippen kann man sich als Frau nicht mehr leisten, wenn man privat begehrt und beruflich erfolgreich sein will. Denn auf die Äußerlichkeiten allein kommt es ja ausschließlich an im Leben, oder? Leute, ich fürchte, die Menschheit wird ob kurz oder lang völlig verlernen, dass man kein hübsches, ebenmäßiges Gesicht oder einen schönen, perfekten Körper liebt sondern die Seele eines Menschen, seine Art, sein Wesen eben sein Innerstes. Und das kann durch keinen Schönheitschirurgen verschandelt werden…
Tolle Aussichten, in einer schönen künstlichen Welt, in der nur der Schein und nicht das Sein zählt. Ich hab mich nach der Lektüre dieses Artikels gefragt, was das für Menschen sind, speziell wohl noch immer Frauen (Musterbeispiel Cher), die sich bereitwillig alles zurechtschneiden und formen lassen an ihrem Körper um makellose Figur in hautengen Designer-Jeans zu machen und ein Dekolleté zeigen zu können, dass zweifelsohne prachtvoll aber ebenso wenig natürlich ist wie eine Plastikpalme. Mir fällt in dem Zusammenhang auch wieder das unglückliche Busenwunder Lollo Ferrari ein, das als Kind immer nur hören musste, wie hässlich es wäre… Werden aus diesem Muster an Erfahrungen die Charaktere jener Menschen gestrickt, die glauben, nur wenn sie allen gefallen, wenn sie wunderschön sind, dann werden sie auch geliebt?
Schuss daneben! Der Charakter eines Menschen ändert sich nicht, nur weil er oder sie den Schönheitschirurgen bis unter die Gürtellinie lässt. Die Probleme, die Komplexe, die Sorgen sie alle bleiben dieselben. Wer mit scheinbaren Schönheitsfehlern im Leben nicht zurecht kommt wird auch ein dutzend chirurgischer Eingriffe später die alten Schwierigkeiten nicht besser meistern. Denn der Charakter ist immerhin derselbe geblieben und Maß-Veränderungen für die Seele gibt es nicht…
Man sieht nur mit dem Herzen gut. Die wesentlichen Dinge sind für die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupéry
Vivienne
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