KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne – August 2003
Unsere Arbeitskraft ist nichts mehr Wert…
Nach AUA streikt auch die Bahn schockiert heute, Samstag, ein viel gelesenes Kleinformat schon am Morgen seine Leser. Wer erinnert sich nicht mit Ärger oder Frust an die Streiktage im Mai bzw. Juni wegen der Pensionsreform, und an die Schwierigkeiten, an diesen beiden Tagen mit den Öffis in die Arbeit zu gelangen? Und das letztendes auch noch ohne Erfolg, denn unser aller Bundes-Schussel zog seine Pläne unbeirrt durch. Streikdrohung was in Zeiten von Beinah-Vollbeschäftigung und sozialdemokratisch-dominierten Regierungen noch das allerletzte und effizienteste Druckmittel war, mit dem Gewerkschaft, etc. ungewollte Gesetzesänderungen verhindern konnten, reißt die blau-schwarze Koalition nicht mehr vom Hocker. Der Kanzler wartet einfach, bis den Gegnern die Luft ausgeht. Dr. Schüssel hat es gelernt zu warten, bis er seine Ziele erreicht…
Damit kein Missverständnis entsteht: Gegen Einsparungsmaßnahmen kann und darf man sich als einigermaßen informierter Bürger ohnedies nicht mehr stellen. Weiter zu machen wie bisher hieße nur, dass Schiff mit verbundenen Augen in die Stromschnellen zu führen, sich also den Tatsachen zu verschließen. Mein Kollege Einstein hat erst kürzlich in seiner Kolumne Ansichtssache sehr offen darauf hingewiesen, dass vor allem zu Blütezeiten des Proporz in staatlichen Unternehmen und vergleichbaren Einrichtungen (etwa Magistraten) Freunderlwirtschaft vorherrschte und immer wieder Sorge getragen wurde, für Verwandtschaft oder Spezln Jobs nicht nur zu reservieren sondern im Extremfall auch zu schaffen. Eine Hand wäscht die andere. Mein Vater etwa hat seinen Arbeitsplatz in einem vormaligen Paradebetrieb am Standort Linz, der Chemie Linz AG, dem Einfluss guter Freunde zu verdanken. Aus Dank wurde er übrigens Partei- und Gewerkschaftsmitglied… Verstehen Sie was ich meine?
Auf diese Weise konnten die Vertreter der Arbeitnehmer seinerzeit ihre Position stärken und auch den nötigen Druck ausüben, ihre Interessen (Ob das auch immer die Interessen ihrer Mitglieder waren, möchte ich an dieser Stelle offen lassen!) durchzusetzen und Österreichs Gewerkschaftsbosse man denke nur an Anton Benya – gehörten einmal zu den mächtigsten Männern in Österreich. Nachfolger Verzetnitsch allerdings hat wenig Grund zu lachen, die Zeiten haben sich geändert. Man verhandelt eben nicht mehr mit einem tonangebenden Parteikollegen sondern mit einem Mann, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Österreich zu sanieren. Auf Kosten der Arbeitsqualität, auf Kosten der Arbeitnehmer, auf Kosten der Frauen, der künftigen Pensionisten, der Arbeitslosen, der Kranken, der sozial Schwächeren um nur einige aufzuzählen.
Nicht dass mir nicht klar wäre, dass manche der harten Reformen, die uns jetzt oder in Zukunft treffen werden, einfach notwendig sind und dass vieles von dem, was Blau-Schwarz nun schon in zwei Legislaturperioden strafft und kürzt, wäre unter Rot-Schwarz in ähnlicher Form mit Sicherheit auch gekommen. Aber ist ein Ausverkauf von Österreichs Staatsbetrieben wirklich die letzte Lösung bzw. ein probates Mittel, die Ebbe in den Kassen zu beenden? Und sind die Änderungen der Arbeitskonditionen, die die oft langjährigen Arbeiter zwangsläufig erwarten müssen, wirklich unumgänglich? Budgetsanierung auf Kosten der Werktätigen? Finanzminister Grasser, beredt wie braungebrannt, verteidigte gestern Abend in der ZIB 2 seine Pläne am Totalverkauf der Vöest, und nach den vielen Versuchen der Opposition, an seinem Image als Strahlemann zu kratzen, kann sich Österreich darauf verlassen, dass unser schönster Regierungsmann um so energischer den Verkauf der Vöest vorantreiben wird. Entgegen den Bedenken der Opposition, der Gewerkschaften und der Vöest-Arbeiter selber.
Aber der Ausverkauf der Vöest oder anderen Staatbetrieben wird ja nicht das Einzige bleiben, wo unsere Regierung über die Häupter von uns hinweg bestimmt, zum Nachteil der arbeitenden Masse, vor allem der Frauen. Stichwort Ladenschluss und offene Geschäfte am Sonntag: Minister Grassers Vorstoß in dieser Richtung, erst letzte Woche publik gemacht, wurde zwar vorläufig noch von allen Parteien entschieden zurückgewiesen, aber es ist zu befürchten, dass ob kurz oder lang speziell die Angestellten im Handel zumindest eine Verschärfung ihrer Arbeitssituation in Kauf nehmen werden müssen. Dass diese Veränderungen vor allem auf Kosten der Lebensqualität jener Frauen, die im Supermarkt oder Drogeriemarkt oftmals nur Teilzeit ihr täglich Brot verdienen, gehen werden, sei dabei speziell hervorgehoben. Frauen nämlich, die nicht selten allein für ihre Kinder sorgen müssen, und ab Inkrafttreten von Öffnungszeiten rund um die Ohr massive Probleme haben werden, ihre Kinder beaufsichtigen zu lassen: ich bin davon überzeugt, dass unsere Horte oder Kindergärten solch veränderten Bedingen sicher nicht Rechnung tragen würden. Vor allem nicht auf dem Land…
Frauen können eben auf keine Lobby zurückgreifen, die ihnen im Falle solcher Änderungen der Ladenöffnungszeiten zur Seite stehen kann. Wenn Sie vielleicht meinen, das wäre noch Zukunftsmusik, möchte ich Ihnen doch widersprechen: gerade diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren so viel getan, dass ich offene Geschäfte am Sonntag, die letzte Bastion sozusagen, schon sehr bald kommen sehe. Unserer Regierung sind nur die Wirtschaftstreibenden selber ein Anliegen, die im harten Konkurrenzkampf gegenüber jenen Kontrahenten, die sich längere und flexiblere Öffnungszeiten nicht leisten können, die Nase vorn haben wollen. Denn eines dürften selbst die kühnsten Optimisten wissen: Mehr werden die Österreicher auch in 7 Tagen die Woche nicht einkaufen, es geht nur um eine Umschichtung, eine Verlagerung der Erträge unter den Geschäften selber. Wer nicht mithalten kann, muss zusperren…
Die Arbeitskraft selber und die Zufriedenheit von Mitabeitern ist also nicht viel Wert in Österreich und in Zukunft wird noch weniger darauf Rücksicht genommen werden. Nacht- und Feiertagszuschläge werden fallen, wer weiß wie lange sich noch Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld in dieser Form halten werden können. Werden Überstunden hinkünftig überhaupt noch bezahlt bzw. wenn, in welchem Ausmaß? Dazu eine Geschichte von einem Handelsriesen, der europaweit tätig ist, für deren Wahrheitsgehalt ich mich verbürge, auch wenn ich verständlicherweise dessen Namen nicht nennen kann: In diesem Unternehmen müssen sich alle Mitarbeiter, die Überstunden machen, auf einer Liste eintragen lassen, weil sonst die Mehrarbeit nicht vergolten wird. In letzter Zeit wird aber den Angestellten immer öfter der Eintrag auf dieser Liste verweigert: als Begründung wird den Betroffenen von der Betriebsleitung vorgejammert, die Mitarbeiter hätten schon so viele Überstunden, dazu wäre bei den meisten noch sehr viel Urlaub offen die Konzernleitung sehe das nicht gerne. Was aber nicht zwangsläufig heißt, die Mitarbeiter dürften keine Überstunden mehr machen, sie dürfen, so viel sie wollen halt umsonst…
Schönen Zeiten gehen wir entgegen, und man kann nicht ausschließlich behaupten, die Gewerkschaften und die Arbeiterkammer seien allein an dem Dilemma schuld. Ich muss zugeben, dass beide Arbeitnehmervertretungen zurzeit wenige Möglichkeiten in der Hand haben, wirklich gezielt gegen solche Firmenrichtlinien anzutreten. Wer sich derartiges nicht gefallen lässt, sollte besser gleich gehen und sich um einen Arbeitgeber umsehen,
bei dem die Arbeit noch etwas mehr geschätzt wird. Ein Rechtsstreit lohnt sich nicht, kostet nur Nerven und der logische Verdruss mit dem Arbeitgeber bringt einem Unzufriedenen sicher auch noch schlechte Karten für später ein, etwa, wenn sich ein neues Unternehmen dann über diesen Mitarbeiter erkundigt.
Wie gering unsere Arbeitskraft wirklich wertgeschätzt wird, davon konnte ich mich selber erst kürzlich informieren lassen – eine Bekannte, die sich beruflich schon länger verändern möchte, ließ bei mir Frust ab: Sie erhielt von einer privaten Jobvermittlung, bei der sie gemeldet ist, die Information, man suche für einen Kunden eine Teilzeitkraft, aber vorläufig nur für zwei Monate. Vor die Wahl gestellt, gehaltsmä
ßig Abschläge machen zu müssen, ließ sich die Frau trotzdem zu einem Vorstellungsgespräch bei der Jobvermittlung überreden. Dort ließ man keinen Zweifel offen, dass sie wegen ihrer Berufserfahrung erste Wahl sei, aber der Kunde, das zukünftige Unternehmen, wolle selber unter den Aspirantinnen die Auswahl treffen, nämlich nach einem halben Probetag gleich am nächsten Tag. Kurzfristigst hätte sich meine Bekannte also einen Tag frei nehmen müssen um dann ihr neues, befristetes Dienstverhältnis noch am Tage der Probearbeit anzutreten, wenn die Wahl auf sie fiele. Das war ihr dann doch zu viel an Aufwand für einen befristeten, schlecht bezahlten neuen Posten, wie sie mir versicherte, und sie sagte der Jobvermittlung ab. Eine kluge Entscheidung: welches Unternehmen gibt heute schon einem Mitarbeiter von einem Tag auf den anderen ohne triftigen Grund frei und denkt sich nicht seinen Teil, wenn dann aus dem vermeintlichen Urlaub der Anruf kommt: ich brauche die Einvernehmliche, ich fang woanders an… Arbeitslos sollst du nicht sein, wen du eine Arbeit suchst, aber trotzdem so flexibel, dass wenn man dich brauchen kann, du am besten schon gestern angefangen hast… Es lebe die Flexibilität! Es lebe die Achtung vor dem Arbeitnehmer! …tu felix Austria? Österreich, du bist schon lange keine Insel der Seeligen mehr, vor allem wenn deine werktätigen Bürger mehr und mehr zum Spielball der Firmen werden und der Staat nicht nur zuschaut sondern das böse Spiel auch noch fördert….
Vivienne
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