von Vivienne – Oktober 2004
Die Ballade vom sorgenden Mann
Ein Mann hatte eine Tochter.
Er hütete sie wie seinen Augapfel.
Die Tochter wuchs heran zu einer klugen Frau.
Sie schloss die Schulen in der Stadt mit hervorragender Leistung ab.
Und traf schließlich die Entscheidung, weit weg zu fahren.
In eine Universität eines anderen Landes.
Und das für ein Jahr mindestens.
Vielleicht auch länger.
Der Mann verstand sein einziges Kind nicht.
Wollte es vielmehr nicht verstehen.
Und versuchte sie zum Bleiben zu überreden.
Warum willst du weg?
Du hast es hier so gut.
Du hast hier alle Möglichkeiten.
Was tust du in einem anderen Land?
Hier bist du zuhause.
Hier ist deine Welt.
Komm, sei nicht unbescheiden
Bleib hier.
Der Mann legte all sein Gefühl in diese Worte.
Aber die Tochter schüttelte den Kopf.
Du verstehst mich nicht.
Hier habe ich alles erreicht, was ich erreichen konnte.
Aber ich möchte mich anderen Herausforderungen stellen.
Ein fremdes Land kennen lernen.
Und mich dort mit den besten messen.
Man muss sich immer neuen Zielen stellen.
Und ich weiß, ich habe das Talent Großes zu leisten.
So gerieten sie in Streit.
Der alte Mann und seine schöne, kluge Tochter.
Schließlich verließ die junge Frau das Haus.
Sie war verletzt, weil ihr Vater harte Worte gebraucht hatte.
Und sie war wütend, weil sie ihm nicht erklären konnte, dass die Stagnation in ihrem Leben sie trieb.
Nicht so sehr der Ruf der großen, neuen Welt.
Sondern das Bedürfnis nach eigenen Wegen.
Ja, nach einem eigenen Leben.
Ihr Vater hatte sie mit seiner Liebe immer erdrückt.
Nie vermochte sie ihm das zu vermitteln.
Er liebte sie ja so sehr.
Aber nun wollte sie nicht mehr nachgeben.
Und so lief sie in den Abend davon.
Entschlossen, die ganze Nacht nicht mehr heimzukehren
Der Mann blickte ständig auf die Uhr.
Der Zeiger der Uhr kroch weiter.
Die Nacht brach herein.
Der Mann machte sich immer mehr Sorgen.
Schließlich begann er zu beten.
Er betete, seine Tochter möge bald heimkommen.
Unversehrt.
Aber es wurde Mitternacht, und sein geliebtes Kind tauchte nicht auf.
Der Mann geriet in Rage.
Er schimpfte laut.
Was hatte er nicht alles für sie getan!
Seine ganzen Ersparnisse hatte er ihr geopfert.
Ihrer Ausbildung.
Ihren Büchern.
Und nun wollte sie ihn alleinlassen.
Einfach so.
Ins Ausland gehen.
Ihren alten Vater vergessen.
Während er vor Sorge verging.
Was ihr nicht alles passieren konnte in der fremden Metropole!
Und er konnte nicht für sie da sein!
Sie beschützen!
Tränen flossen über sein Gesicht.
Plötzlich hatte er eine Stimme in seinem Kopf.
Sie klang bissig und hämisch wie die eines Kobolds.
Du alter Narr!
Wer bist du eigentlich?
Wem willst du hier etwas vormachen?
Dir geht es doch nicht um alle möglichen Gefahren, die deiner Tochter drohen könnten!
Dir geht es doch nur um dich selbst.
Du willst nicht alleine sein!
Und deine Tochter soll sich für dich aufopfern.
Auf alle Chancen verzichten deinetwegen.
Was bist du nur für ein Egoist.
Wenn du deine Tochter wirklich liebst, dann gönnst du ihr ihr Glück.
Und ihren Erfolg.
Lass sie gehen, oder sie wird dich irgendwann hassen!
Willst du das lieber?
Der Mann erschrak.
Seine Tränen versiegten.
Er war ins Innerste betroffen.
Noch viel mehr fühlte er sich ertappt.
Ja, er würde sich einsam fühlen, wenn sein Kind das Haus verlassen würde.
Sehr sogar.
Ehrlich gesagt er hatte Angst davor.
Große Angst.
Aber hatte die Stimme nicht Recht?
Würde er nicht seine Tochter erst dadurch richtig verlieren, wenn er sie zurückzuhalten versuchte?
Er dachte nach.
Die Erkenntnis tat weh.
Aber er durfte seiner Tochter keine Steine in den Weg legen.
Er würde sonst ihre Liebe und ihre Achtung verlieren.
Der Morgen begann zu grauen.
Irgendwann fiel die Haustür ins Schloss.
Und danach Schritte auf der Treppe.
Seine Tochter war wieder heimgekommen.
Unbeschadet.
Sie wusste schon auf sich aufzupassen.
Sie war alt genug
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