Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  August 2004



Die Ballade vom wahren Glück

Ein Mann und seine Frau lebten am Rande einer Kleinstadt in gehobenem Wohlstand.
Ein hübsches Haus hatten sie erworben und teuer eingerichtet.
Ein teures Auto stand in der Garage.
Kurz: den beiden fehlte es an nichts.
Trotzdem liefen beide meistens mit eher finsterem Gesicht herum.
Sie lachten selten.
Und sie waren auch nur mit wenigen gut Freund.
Beide arbeiteten von der der Früh bis spät.
Und selbst am Wochenende verbrachten sie viel Zeit in ihren Firmen.
Die Leute schüttelten den Kopf über die beiden Arbeitstiere.
Doch der Wohlstand der beiden wurde immer größer.
Ebenso das Auto.
Aber die beiden wurden nicht umgänglicher deswegen.
Eines Abends fiel einem der Anrainer auf, dass sich der bewusste Mann in seinem Stammlokal aufhielt.
Tatsächlich.
Kein Zweifel war möglich.
Und so wie es aussah, hatte er schon ein wenig getrunken.
Er stand allein an der Bar.
Vor ihm ein halb leeres Glas Bier.

Die Leute tuschelten.
Schließlich ging einer der Gäste zu ihm hin.
Ein etwas älterer Herr schon.
Mit grauen Haaren.
Schönen Abend, Nachbar.
Der Mann blickte auf.
Unter dem Eindruck von Alkohol schien er etwas freundlicher als sonst zu sein.
Guten Abend.
Dann starrte er wieder das Bier an.
Es dauerte einige Zeit, bis der Ältere den reichen Nachbarn zum Reden brachte.
Ein weiteres Glas Bier musste geleert werden, bis sich seine Zunge löste.
Ich bin nicht glücklich.
Das Bekenntnis kam mit einem Seufzen.
Meine Frau und ich – wir haben alles.
Alles was man sich kaufen kann.
Wir sind erfolgreich.
In der Firma sind wir wichtige Stützen.
Aber wenn wir daheim sind, freut uns alles nicht.
Nicht die teure Einrichtung.
Nicht der prachtvolle Ausblick auf den See weiter unten.
Es ist alles so selbstverständlich.
Je mehr wir kaufen.
Je mehr wir dazuverdienen.
Desto langweiliger wird alles.
Selbstverständlicher.
Was soll ich tun?

Der alte Mann schwieg.
Seinem Nachbarn ging es viel zu gut.
Das hatte er schnell erkannt.
Er konnte das nicht mehr schätzen, was er sich erarbeitet hatte.
Er arbeitete.
Aus einem inneren Antrieb heraus.
Immer mehr, immer mehr!
Aber Reichtum und materielle Güter sind nicht alles.
Und das wurde diesen beiden jetzt bewusst.
Jetzt war ihr Leben leer.
Denn all ihr Geld machte sie nicht glücklich.
Und deiner Frau geht es auch so?
Der alte Mann fragte scheinbar nebenbei.
Ich denke schon.
Ich weiß es nicht.
Ich habe sie nie gefragt.
Der alte Mann runzelte die Stirn.
Du redest nicht mit ihr?
Der Nachbar bekam große Augen.
Er erschrak fast und blickte schuldbewusst.
Nein.
Zumindest nicht viel.
Worüber sollten wir auch reden?
Wir leben beide unser eigenes Leben.
Sie in ihrer Firma.
Ich in meiner.
Ja, worüber sollten wir denn reden?
Der Grauhaarige schüttelte den Kopf.
Ja, liebst du sie den überhaupt?
Und liebt sie dich?
Wozu seid ihr beisammen?
Man heiratet doch nicht aus Spaß!

Der reiche Mann dachte angestrengt nach.
Wir haben uns schon geliebt als wir geheiratet haben.
Ich denke schon.
Aber wir wollten immer viel erreichen in unserem Leben.
Und ein schönes Leben führen.
In Wohlstand.
Er seufzte wieder.
Der alte Mann schüttelte den Kopf als er ihn ansah.
Die Liebe ist nicht alles.
Aber ohne die Liebe ist alles nichts.
Seinem Nachbarn half nur eine Radikalkur.
Wenn überhaupt.
Möchtest du nicht wissen, ob dich deine Frau noch liebt?
Wäre es nicht schön für dich zu  erfahren, dass ihr Herz dir gehört?
Und würdest du nicht selber gern erkennen, ob du sie noch liebt?
Ob ihr beide euch noch irgendetwas bedeutet?
Wäre das nicht wichtig für euer gemeinsames Leben?
Der wohlhabende Mann blickte ihn etwas verdattert an.
Darüber hatte er offenbar schon lange nicht mehr nachgedacht.
Er sagte kein Wort.
In seinem Gesicht stand ungläubiges Staunen.

Der Grauhaarige sah ihn ernst an.
Ich gebe dir einen guten Rat.
Du kannst ihn befolgen oder nicht.
Es ist deine Sache.
Aber wenn du ihn nicht befolgst, wirst du wohl nie glücklich werden.
Der Nachbar war ganz Ohr.
Sein Mund war leicht geöffnet und er schien gespannt wie lange nicht.
Du wirst jetzt in die Stadt fahren und dir dort ein Zimmer nehmen.
Für vier Wochen, nein, gleich für zwei Monate.
Das ist besser.
Deine Frau wirst du in der Zeit nicht sehen.
Und du wirst sie auch nicht anrufen.
Zwei Monate ohne deine Frau.
Und du wirst einmal erkennen, ob ihr noch zusammengehört.
Ob sie dir fehlt.
Ob du ihr fehlst.
Oder ob ihr euch schon gleichgültig seid.
Davon wird dein weiters Leben abhängen.
Einmal in der Woche kommst du zu mir.
In dieses Lokal
Und dann wirst du mir erzählen, wie du dich fühlst.
Der Blick seines Gegenübers war skeptisch geworden.
Wenn du meinst…
Aber ich werde es tun.

Eine Woche später hatte der Erfolgsmensch wenig zu berichten.
Es hätte sich nichts geändert.
Vierzehn Tage darauf grüßte er schon von sich aus die Leute im Lokal.
Er gab sogar eine Runde aus.
Trotzdem wirkte er traurig.
Was ist los?
Der Alte war neugierig geworden.
Ich weiß es nicht.
Der Nachbar hatte den Kopf gesenkt.
Drei Wochen später wurde er schon Mitglied beim Stammtisch.
Er redete mit ein paar Leuten über die Arbeit.
Als er den Alten sah, wurde er wieder traurig.
Sie fehlt mir so…
Der begriff.
Aber er sagte kein Wort.
Nach vier Wochen nannte der wohlhabende Nachbar schon jedem mit dem Vornamen.
Der Kellner war freundlich und aufmerksam zu ihm.
Und brachte ihm immer gleich das erste Bier.
Wenn der Reiche aber mit dem alten Mann sprach, fiel die fröhliche Maske ab.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie so vermisse…
Der Grauhaarige lächelte ihn an.
Dann geh zu ihr.
Sag es ihr.
Sofort.
Und jetzt weiß du.
Du hast nicht nur ihre Liebe.
Du hast auch neue Freunde.
Ein ganz neues Lebensgefühl.
Und ist das nicht viel mehr als all euer Geld?

Vivienne

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