Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  März 2004



Vergebung, Teil 2

Vergebung.
Unmöglich, wenn dir großes Leid zugefügt wurde?
Unmöglich, wenn die Menschen, die dir so wehgetan haben, ihr Unrecht gar nicht begreifen?
Seelisch verkrüppelt.
Dummdreist arrogant.
Quäl dich nicht.
Bemüh dich nicht.
Schau auf dich.
So dozierte ich vor ein paar Wochen.
Und bekam einen Brief.
Einen Brief eines Lesers.
Der mich schätzt und achtet.
Und das schrieb er:

Tut mir leid zu lesen, dass deine Ex-Liebe dich dermaßen schlecht behandelt hat.
Ich wurde von jener besagten Frau auch nicht immer fair behandelt.
Dennoch liebe ich sie.
Ich halte es für sehr wichtig jeden Menschen – auch denen die uns Unrecht getan, oder schlecht behandelt haben – zu vergeben und zu verzeihen.
Vielleicht bin ich da etwas religiös angehaucht, aber meiner Meinung gibt es so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit. 
Alles im Leben kommt irgendwann einmal zu dir zurück.
Sendest du positive Schwingungen aus, bekommst du positive zurück.
Genauso wie auch negative.
Du erntest immer das, was du säst.
Und wenn du vergeben kannst, wird auch dir einmal vergeben werden.

Wenn du vergeben kannst, wird auch dir einmal vergeben werden.
Muss das überhaupt jemand?
Mir jemand vergeben?
Ich verletze niemanden so.
Ich trete niemandes Gefühle.
Ich bin fair.
Ich tu niemandem weh.
…

Stimmt das überhaupt?
Kann ich nicht auch jemanden verletzen?
Ohne es zu  wollen?
Kann ich nicht jemanden brüskieren?
In einer schlechten Phase.
Gedankenlos.
Ist es nicht maßlos arrogant zu sagen:
Mir braucht niemand zu vergeben.
Bin ich frei von Schuld?
Wohl zweifellos nicht.
Nicht im Geringsten.
Ich bin Mensch.
Geboren zu irren.
Geboren zu fehlen.
Ausgestattet mit Mängeln.
Mängeln, die nicht notwendigerweise bösartig sein müssen.
Und trotzdem scharf wie ein Schwert treffen können.

Man  nehme ein Beispiel.
Meine Worte.
Spitz wie ein Degen.
Fast unbewusst treffe ich unbedacht Menschen manchmal schwerer.
Als wenn ich ernsthaft böse bin.
Als spürte ich tief in mir, wo sie verletzbar sind.
Die, die ich ablehne.
Aber auch die, die ich liebe.
Von ganzen Herzen.
Wie leid tat es mir oft nachher!
Wie bereute ich diese vorlaute Zunge.
Die nicht immer von sich gibt, was ich will.
Oder sagen möchte.
War ich nicht auch oft froh, wenn ich Vergebung erfahren durfte?
Ehrlich gesagt ich war es.
Immer.
Und immer wieder.

Aber was hat das zu tun, mit Menschen, die mir wissentlich Leid zufügten?
Mir große Steine in den Weg legten?
In der Hoffnung, wich würde scheitern und resignieren?
Denen kann niemand helfen.
Nicht einmal sie selbst.
Wichtige Teile der menschlichen Seele fehlen ihnen.
Rückgrad.
Gewissen.
Menschlichkeit.
Meine Ohnmacht.
So verständlich sie ist.
Kampf gegen Windmühlen.
Zudem.
Es ist nicht meine Aufgabe.
Zu richten.
Oder zu verurteilen.
Gott.
Das Schicksal.
Ausgleichende Gerechtigkeit.
Vielleicht nicht in diesem Leben.
Aber im nächsten.
Oder übernächsten.

Ich hab so meine winzige Sichtweise.
Einen kleinen Ausschnitt kann ich nur sehen.
Nicht mehr.
Dabei ist die Welt rund um mich.
Mit vielen Facetten.
Die mir zu einem perfekten Bild fehlen.
Ich muss nicht alles sehen.
Nicht alles erkennen.
Aber wenn ich ehrlich bin.
Längst bin ich so froh, dass ich ihn nie bekommen habe.
Den, der mich so verletzend zurückstieß.
Um mich zu vorzubereiten für den anderen.
Dumm verrannt in meine Gefühle.
Hat er mir selbst den Weg zu sich versperrt.
Gott sei Dank.

Und der andere?
Geschützt in der Kittelfalte einer mütterlichen Freundin meinte er leichtes Spiel mit mir zu haben.
Er tut mir nicht einmal mehr leid.
Wer solche Mittel braucht…
Wer nicht für sich selber stehen kann…
Ihn hab ich traumwandlerisch abgelehnt.
Durchschaut.
Mir ist es egal, wie es ihnen heute geht.
Ich weiß nicht, ob ich ihnen vergeben habe.
Aber es wird leichter.
Je öfter ich darüber nachdenke.
Es hat so wehgetan.
Aber es ist vorbei.
Der schlimmste Part liegt bei ihnen selbst.
Sie müssen ohne mich leben.
Beide.

Vergebung ist nicht einfach.
Aber die eigene Sichtweise hinterfragen.
Den Blickwinkel ändern.
Vermag manchmal den schweren Druck zu lindern.
Vergebung entsteht nicht aus einem Schritt.
Viele Schritte führen zu jener Erkenntnis, die den Schmerz nach und nach auslöscht.
Wer weiß, wofür es nicht gut war!
Und das stimmt.
Ehrlich und offen.
Ich bin dankbar für Vieles, was seither passiert ist.
Das alles ohne die Erfahrung dieses Leids nicht denkbar gewesen wäre.
Nicht vorstellbar.
Und das ist schön.
Es tut gut zu wissen, dass es doch irgendwie richtig war…
So viel besser, als wenn mein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre.
Zwei Steine.
Abgelegt.

Vivienne

Für Martin, Danke, du hast mir wahnsinnig geholfen!

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