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27.05.2005, © Vivienne

Der Fall Riess-Passer

Dieser Tage bearbeitete ich in einem meiner Beiträge das Denunziantentum in Österreich. Es ist ja nicht unmodern, jemand gezielt anzuschwärzen, von dem man sich verraten fühlt oder auf den man neidig ist. Gründe gibt es so viele – so mancher Dienstgeber nutzt bekannterweise auch gern die Gelegenheit, sich bei einem unliebigen Ex-Angestellten auf diese Weise schadlos zu halten, in einem doppeldeutigen Dienstzeugnis etwa oder wenn sich eine neue Firma über die Arbeitsmoral des früheren Mitarbeiters erkundigt. Rache für aufmüpfiges Verhalten oder einfach Geltungssucht und die Freude, jemandem zu schaden oder ihm gar die Zukunft zu verbauen.

Diese Erfahrung musste jetzt auch wieder die frühere Königskobra und Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer auf politischer Ebene machen. Obwohl sie sich, wie sie auch betont, nach Knittelfeld in Anstand von der Partei getrennt hatte und nun als Generaldirektorin in der Privatwirtschaft gute Figur macht, wollen gewisse Kreise in der arg zerzausten FPÖ noch immer keinen Schlussstrich akzeptieren. Nunmehr wird Riess-Passer beschuldigt, sie hätte Parteigeld nicht nur nicht korrekt abgerechnet sondern sich auch eine teure Wohnung, Schuhe und Luxusmarken damit finanziert.

Nicht der erste Angriff dieser Art auf die dynamische Persönlichkeit, aber erst kürzlich konnte sie wieder einen Prozess wegen ähnlicher Verleumdungen gewinnen. Von den Medien allerdings de facto tot geschrieben… Was kann man über Susanne Riess-Passer sagen? Auf jeden Fall hat sie mich in ihrer Funktion als Vizekanzlerin der ersten Blauschwarzen Koalition mit Profil, Intelligenz und Führungsqualitäten überzeugt. Ich war nie eine Sympatisantin der Freiheitlichen Partei, ich könnte mich in dieser Partei nie finden, aber diese Frau hat mir ungewollt Respekt und eine gewisse Hochachtung abgerungen. Wenn auch gerne in Kabarettprogrammen die Rede davon war, dass die ehemalige Königskobra „die täglichen Befehle aus Kärnten erwarten würde“, so haben doch die Ereignisse in Knittelfeld gezeigt, dass dem sicher nie der Fall war. Nicht einmal ansatzweise.

Hier wurde einer Person übel mitgespielt, die sehr konsequent gehandelt hat und die Partei auf einen Weg bringen wollte, von dem sie heute meilenweit entfernt ist. Es geht hier nicht darum, dass ich politisch Frau Riess-Passer hätte folgen können. Aber sie wäre, davon bin ich überzeugt, durchaus in der Lage gewesen, den Freiheitlichen mittelfristig den Nymbus der Oppositionspartei zu nehmen, aber Jörg Haider hatte andere Pläne und Ansichten, mit dem Ergebnis, dass sich die Partei in diesen Tagen sukzessive selbst zerfleischt und wohl aufgesplittert völlig in die Bedeutungslosigkeit absinken wird. Haider darf sich auf die Schulter klopfen, er hat die Partei groß gemacht und in ungeahnte Höhen geführt, und er hat sie auch wieder zerstört. Und stärkt damit einmal mehr Kanzler Wolfgang Schüssel…

Zurück zur früheren Vizekanzlerin: Es ist für einen politischen Laien schwer nachvollziehbar, warum man Riess-Passer nicht einfach in Ruhe lassen kann, warum man sich in der Partei nicht damit beschäftigt, dass man die Scherben zusammenklaubt und Schadensbegrenzung betreibt, so weit möglich. Nein, der Riess-Passer gebührt unbedingt auch noch eine auf den Deckel, im Sterbenskampf noch alle Möglichkeiten mobilisieren, damit wenigstens ein bissl was hängen bleibt. Die hohe Politik ist halt anders aber auch der Durchschnittsösterreicher hat so seine Rachegelüste, wenn auch nicht immer derart gefinkelt und „subtil“: „vermeintliches“ Unrecht muss gesühnt werden, wenn nicht so, dann eben auf eine andere Art und Weise.

Susanne Riess-Passer ist ein Stehaufmännchen und vor allem hat sie für mich mehr Charakter gezeigt, als so mancher Politikerkollege gleich welcher Couleur, der sich mit aller Gewalt am Posten und am Mandat festgeklammert hat, auch wenn er untragbar geworden war. Sie hingegen hat sich in der Privatwirtschaft einen adäquaten Job gefunden, man dürfte ihr ohne Skrupel Beifall zollen für ihr Rückgrad und den Charakter, nicht ihrerseits nach Knittelfeld in Schimpftiraden auszubrechen. Was man nach der Art und Weise, wie sie dort vorgeführt worden war, durchaus nachvollziehbar gewesen wäre. Auch wenn man politisch nicht mit ihr auf einer Ebene liegt. Und so wünsche ich ihr ehrlich die Kraft, auch diese Belastungen unbeschadet zu überstehen. Hier, im Lande des Denunziantentums und der feigen, hinterhältigen Verleumdung…

Vivienne

 

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