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21.12.2005, © Vivienne

Doppelmoral – Am Beispiel Schwarzenegger

Die Schlagzeilen gingen in der letzten Woche wieder hoch: die „steirische Eiche“ Schwarzenegger, seit einiger Zeit „Gouvernator“ von Kalifornien, hat kürzlich das Gnadengesuch eines vierfachen Mörders, der zwanzig Jahre in der Todeszelle verbracht hat, nach Prüfung abgelehnt. Der Fall wirbelte viel Staub auf, weil es sich bei dem Exekutierten ganz offenbar um einen geläuterten Kriminellen gehandelt hat: Nicht nur dass er hoch gelobte Kinderbücher verfasst hat, er engagierte sich auch humanitär, so weit dies in seiner Position möglich war, was ihm eine Nominierung für den Friedensnobelpreis einbrachte. Bekannte Persönlichkeiten wie das Schauspielerehepaar Susan Sarandon/Tim Robbins setzten sich für eine Begnadigung des Mörders ein – wenn auch letztlich vergeblich.

So weit die Fakten, Fälle, wie sie in den Vereinigten Staaten immer wieder passieren ohne dass bei uns viel darüber geredet wird. Im Falle jenes Mannes aus dem Staate Kalifornien ist die Sachlage allerdings anders. Völlig, denn der Gouverneur, der das Todesurteil unterzeichnete und vollstrecken ließ, ist Arnold Schwarzenegger, einer der erfolgreichsten und berühmtesten Schauspieler, die Österreich je hervorgebracht hat und der sogar in Hollywood Karriere mache und als Kassenmagnet über Jahre hinweg die Kinokassen zum Klingeln brachte. Wie in den USA schon fast üblich (man denke an Ronald Reagan), hat Schwarzenegger als Quereinsteiger das Lager gewechselt um in seine neue, politische Karriere bravourös einzusteigen, nämlich als Gouverneur von Kalifornien.

Hierzulande überschlug man sich angesichts dieses Erfolges vor allem in der Steiermark mit Lobeshymnen und Begeisterung, dass es ein Body-Building-interessierter junger Mann aus der Alpenrepublik so weit bringen hatte können. Im Verborgenen wurden allerdings schon wieder allerhand Ränke  geschmiedet, um ganz im Sinne des Spruches vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt, am Denkmal des Polizistensohnes zu rütteln. So will man ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Graz aberkennen und auch das Schwarzeneggerstadion soll umbenannt werden – als hätte man nur darauf gelauert, einmal mehr einen erfolgreichen Auslandsösterreicher zu verunglimpfen und mit Dreck zu bewerfen. Bedauerlich in dem Zusammenhang, dass die Häme aus dem linken Lager kommt, und das unter den Denkmantel sehr fadenscheiniger Argumentation, wie mir scheint.

Schwarzenegger, das möchte ich an dieser Stelle ganz klar sagen, war nie mein Idol. Meinen ersten Film mit dem ehemaligen Actionhelden habe ich erst kürzlich gesehen, als ich mit Gips ans Bett gefesselt war und kaum andere Auswahlmöglichkeiten hatte. Es handelte sich dabei um den bekannten „Kindergartencop“, der mich aber von seinem filmischen Wert und von seinem künstlerischen Anspruch nicht vom Hocker riss, doch zu den harmloseren Filmen des Steirers zählt. Ich habe mich absolut nicht gefreut, als Schwarzenegger Gouverneur wurde, weil ich trotz aller Erfahrungswerte noch immer dem linken Lager zugerechnet werden darf und keinesfalls mit Schwarzeneggers Republikanern sympathisiere. Aber die Aufregung um das Todesurteil, so bedauerlich es auch immer für den geläuterten Mann sein mag, verstehe ich nicht wirklich.

Schon deshalb nicht, weil es sich dabei nachweislich nicht um das erste Todesurteil handelt, dass von Schwarzenegger unterzeichnet wurde. Er wusste genau, worauf er sich einließ, als er  den Wahlkampf um die Krone auf sich nahm. In Kalifornien gehört die Todesstrafe noch zum Alltag und all die Leute, die ihm seinerzeit zujubelten und jetzt feige und hinterrücks gegen  den gebürtigen Steirer schimpfen, wussten das auch. Genau genommen hätte man Schwarzenegger von Anfang an wegen seines Engagements um Kalifornien kritisieren müssen, und nicht erst jetzt, wo der (im Übrigen zu erwartende) Ernstfall eingetreten ist. Ein typischer Fall von Doppelmoral, wie sie in unserem Land an der Tagesordnung ist, und vorzugsweise gilt die Häme immer den Leuten, die erfolgreich sind und sich über Landesgrenzen hinweg einen Namen machen konnten.

Was mir in dem Zusammenhang am meisten sauer aufstößt: einmal mehr sind  es die Linken, die in solcher Situation vorpreschen und mit Dreck zu werfen beginnen. Fälle wie diese habe ich schon öfter beobachtet, und mal abgesehen davon, dass ich dadurch meinen früheren Idealismus für diese Bewegung einmal mit Füßen getreten sehe: hat man bei den Linken nicht genug eigene Probleme am Hals, die dringend einer Lösung harren?

Vivienne 
 

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