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08.04.2005, © Vivienne
Kindererziehung Gehts ohne Prügel überhaupt?
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leser, aber wenn ich mich so an meine eigene Kindheit zurückerinnere, dann kann ich nur bestätigen, dass so manche Bestrafung oder so manches Verbot mit einer Ohrfeige oder auch mehr unterstrichen wurde. Nicht dass ich darüber jetzt verbittere oder meine Eltern deswegen hasse, es war halt so, und ich sehe ganz klar den Hintergrund. Die Generation meiner Eltern musste in der Kindheit noch viel mehr einstecken, und das nicht nur von den eigenen Eltern. Mein Vater war ein lebhaftes und bisweilen auch sehr keckes Kind und wurde deshalb auch vom Lehrer und vom Pfarrer des Öfteren regelrecht verprügelt er hatte sich nämlich an dessen Birnen vergriffen
Lange Zeit wurden Kinder de facto als Eigentum der Eltern angesehen, und die gaben die Prügel weiter, die sie selber als Kind kassiert hatten. Manche mehr, manche weniger, und ganz selten kam es auch schon vor etlichen Jahren vor, dass jemand die Spirale der Gewalt durchbrach und die Prügel Prügel sein ließ, weil man den eigenen Nachwuchs nicht so behandeln wollte, wie man selber behandelt wurde. Eine weise Erkenntnis, mehr als das: Prügel oder auch regelmäßige Ohrfeigen sind Gewalt, nichts anderes, eine Gewalt, die nicht zulässig ist. Weder gegenüber den eigenen Kindern noch gegenüber jemand anderem wie auch dem eigenen Beziehungspartner etwa. Prügel sind meistens auch ein Mangel an Argumentationsfähigkeit wer nicht in der Lage ist, seine Gründe oder Motive zu artikulieren, schlägt eben zu, frei nach dem Motto: das ist so, weil ich es so sage!
Speziell auch im Umgang mit Kindern. Ich möchte ganz klar festhalten, dass Kindererziehung fraglos nicht leicht ist und dass man ihnen Grenzen setzen muss. Verbote und Gebote sind auch für Kinder wichtig, ob sie nun gerade in den Kindergarten gehen oder als Teenager versuchen, länger nachts fortzubleiben, als ihnen die Eltern aufgetragen haben. Aber es ist dabei durchaus nicht notwendig, Verstoße gegen solche Regeln mit körperlichen Attacken zu ahnden. Das Schlimmste ist, wenn geschlagene Kinder als Erwachsene irgendwann zu begreifen meinen, dass die Prügel ja gerechtfertigt waren. Durch die Sorge der Eltern etwa oder weil Strafe bei Zuwiderhandeln nötig ist. Welch ein Trugschluss! So wird die Spirale der Gewalt immer weiter vorangetrieben, weil diese Denkungsweise auch das eigenen Verhalten beeinflusst wer nämlich so denkt, schlägt auch selber zu.
In einem anderen Forum, vor einigen Jahren, führte ich einmal eine heiße Diskussion mit einem Mitglied der alten Community. Vorher hatte ich mich online mit dem Mann recht gut verstanden, aber bei dieser Streitfrage gerieten wir aneinander. Der Mann hatte gepostet, dass er von seinem Vater nur zweimal geschlagen worden war, und beide Male war es gerechtfertigt gewesen. Ich widersprach ihm mit Hinweis darauf dass Gewalt nie gerechtfertigt ist und dass damit nur die Gewaltspirale weiterläuft. Offenbar hatte der Mann seinen Vater auf ein Podest gestellt und in völliger Verkennung der Situation er sollte ja seinen Vater deswegen nicht anprangern sondern nur die Zusammenhänge durchschauen! reagierte er beleidigt und zog er sich aus der Diskussion und in der Folge auch aus dem aktiven Geschehen der Bohne zurück. Ob Zufall oder nicht, vermag ich nicht zu sagen.
Worum es mir geht, ist: ich denke, jeder von Ihnen, liebe Leser, hat seine Watschen oder vielleicht auch mehr in der Kindheit kassiert. Ich ebenfalls, aber ich hasse meine Eltern nicht dafür, weil es erstens keinen Sinn hat sondern vor allem, weil ich begriffen habe, dass es mehr als alles Ausdruck ihrer eigenen Hilflosigkeit wahr. Vor Vierzig Jahren und mehr hat kein Mensch ernsthaft darüber nachgedacht, wie man Kinder erziehen kann ohne ihnen Strafen im wahrsten Sinn des Wortes einzubläuen. Aber meine Eltern und ich haben darüber geredet, besonders auch über die Prügelorgien in deren Kindheit und ich verstehe, woher das Fehlverhalten kommt. Aber ich ahme es nicht nach, ich habe aus den Fehlern meiner Eltern gelernt, so seltsam das vielleicht auch klingt. Kinder rütteln nun mal gerne an ihren Grenzen, aber Erklärungen untermauern die Gründe auf Dauer besser als alles andere und bestrafen kann man auch ohne Prügel sehr effektiv: mit Fernseh- oder Surfverboten etwa oder ein paar Wochenenden daheim statt in der Linzer Nachtschicht.
Der Prügelbewegung der Vergangenheit wurde in den 70er Jahren das so genannte Laissez-faire entgegengesetzt. Statt die Kinder einzuengen oder mit Verboten einzuschüchtern war plötzlich alles erlaubt. Kinder wissen genau, was richtig ist und brauchen keine Bevormundung, lautete der Grundtenor. Völliger Nonsens, eine Fehlentwicklung, die sich aus diesem Grund auch nicht durchsetzten konnte. Nachbarn von uns waren allerdings in der Zeit Anhänger diese Theorie und ließen die Kinder während eines längeren Urlaubs allein zu Haus. Die Kinder waren in dieser Situation völlig hilflos, aber eine befreundete Familie nahm sich schließlich unaufgefordert der verlassenen Kinder an, die nicht einmal in der Lage gewesen wären, dem Jüngsten die unübersehbar übervolle Windel zu wechseln. Ich denke, dieses Ehepaar hat auch nie begriffen, welchen Schutzengel seine Kinder hatten
Das Maß der Dinge liegt wie üblich in der Mitte. Ein Klaps ab und an oder eine scharfe Rüge bisweilen sind sicher effizienter als einfach zuzuschlagen. Ein Kind ist ein kleiner Mensch mitten im Entwicklungs- und Lernprozess und handelt oft weder logisch noch berechenbar. Ich gehe sogar so weit, dass ich behaupte, dass sich ein Kind nicht immer bewusst ist, dass es ein Gebot übertritt, auch wenn es mehrfach darauf hingewiesen wurde, weil es so spontan ist und auch sprunghafter denkt als ein Erwachsener. Wer sich das einmal vor Augen hält, versteht vielleicht besser, was Prügel alles zerstören können in der Seele eines aufgeweckten Kindes
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