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13.04.2005, © Vivienne
Wider die Doppelmoral
Ob ich nun ein typischer Christ bin oder nicht: am lebendigsten, am autentischsten ist das Neue Testament für mich immer dann, wenn Christus Missstände anprangert, die sich in die Gegenwart unserer modernen Gesellschaft gerettet haben. Etwa, wenn er dem geächteten Zöllner vergibt oder den Pharisäern ihre Doppelmoral wie in einem Spiegel vor Augen hält. Wenn man an die Doppelmoral der Katholischen Kirche in diesen Tagen denkt, dann wünscht man sich wohl erneut Gottes Sohn herbei und dass er wieder Zeichen setzt. Zeichen der Menschlichkeit und Zeichen eines Gottes, eines Gottes der Liebe und des Lebens
Der Fall jener Religionslehrerin aus Tirol, die als Geschiedene in neuer Lebensgemeinschaft lebt, und der nun zwangsweise ein Berufsverbot erteilt wurde, hat ja ein enormes Blätterrauschen in unseren Medien verursacht. Die Fakten dürften den meisten schon bekannt sein, aber wer noch nicht so informiert ist, dem sei hier kurz erläutert, worum es geht: Scheidung und trotzdem wieder in einer Beziehung zu leben muss tatsächlich vor Teilen der katholischen Kirche zumindest noch immer eine schlimmere Todsünde darstellen als Mord, Kindesmissbrauch oder Menschenhandel. Vor allem, wenn sich eine Frau dieses Vergehens schuldig macht. Seit die oben erwähnte Frau nämlich wieder einen Partner hat, wurde das vorher schon ausgesprochene Verbot des Religionsunterrichtes auf drei Jahre verlängert. Ihr Ex-Mann hingegen, ebenfalls Religionslehrer, fand man höre und staune – gnädigere Richter vor den zuständigen bischöflichen Behörden: er darf seinen Beruf uneingeschränkt weiter ausüben.
Dass die Lehrerin jetzt nicht von ihrem neuen Partner ausgehalten werden muss oder gar eine Umschulung ins Auge fasst, verdankt sie der Tatsache, dass sie andere, weltliche Gegenstände weiter unterrichten kann. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, warum solche Moralapostel in der Katholischen Kirche noch immer das Sagen haben? Mehr als das: ähnlich wie diese Kirche über Jahrhunderte nicht wahrhaben wollte, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, wie Menschen man denke an Galilei die das alte Weltbild der Kirche physikalisch widerlegten, abschwören mussten oder auch als Ketzer hingerichtet wurden, ähnlich hält sie an unhaltbaren moralischen Standpunkten fest. Wie lange will man Menschen noch schlimmer als Mörder oder Terroristen brandmarken nur weil sie erkannt haben, dass sie in ihrer alten Beziehung nicht mehr glücklich sein können? Und daher die Entscheidung zur Trennung getroffen haben?
Ist man weniger religiös, nur weil man einmal den falschen Lebenspartner gewählt hat? Weniger eilfertig mit Berufsverboten ist die Kirche ja in Fällen, die die eigenen Priester betreffen. Jene nämlich, die in Lebensgemeinschaften leben, teilweise sogar Kinder groß ziehen. Alle diese Gottesmänner haben für ihr Priesteramt einen Eid auf das Zölibat geleistet, und das bedeutet ohne Einschränkung ein Leben als Single und ohne Sex. Aber man gewinnt den Anschein, dass es sich die zuständigen Bischöfe gar nicht leisten können, alle diese Priester abzusetzen, denn man würde in einer Zeit des eklatanten Priestermangels viel zu viele gute Männer verlieren. So wird also still schweigend geduldet, solange die Priester selber ihre Beziehungen und die Begleiterscheinungen möglichst bedeckt halten.
Oder anders formuliert und damit wieder zurück zu dem aktuellen Fall in Tirol: eine Religionslehrerin ist halt sehr viel leichter zu ersetzen als ein Pfarrer, darum auch die unterschiedliche Handhabung eines verstaubten und realitätsfernen Kirchengesetzes. Ich selber mache mir zudem Gedanken darüber, warum man als Frau von der Kirche noch immer härter angegriffen wird als ein Mann im Vergleichsfall. Liegt das etwa am hehren Marienbild der Jungfrau und Mutter Gottes? Oder ist es einfach nach wie vor besonders verwerflich, wenn eine Frau dazu steht, dass sie ihre Sexualität auslebt? So richtig befriedigt mich keiner dieser Aspekte. Nur eines sagt mir mein Gewissen recht eindeutig: es ist Unrecht, was da in Tirol passiert und auch schon in anderen, ähnlich gelagerten Fällen vorgekommen ist.
Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass die Katholische Kirche nach wie vor ein Problem mit Sexualität an sich hat (man denke etwa auch an die verstaubten, sexfeindlichen Gebote in Bezug auf Verhütung!) und sich mehr als zweitausend Jahre nach Christie Geburt noch immer nicht aufraffen konnte, endlich zu akzeptieren: Sexualität ist ein Geschenk Gottes, das uns nicht gegeben wurde, um es verschämt im verdunkelten Schlafzimmer und nur sehr eingeschränkt auszuleben. Und vor allem ist sie keine Sünde speziell außerhalb einer kirchlich geschlossenen Beziehung. Ganz im Gegenteil: es gibt genügend Untaten, die man weit eher mit Exkommunikation bestrafen müsste. Oder wie in diesem Fall gleich mit Berufsverbot.
Wer traut sich da einmal offen aufzutreten wider solche Doppelmoral in der Kirche? Ich denke, dass die Gläubigen Regeln und Gebote brauchen, die zu diesen modernen Zeiten und zu den Problemen, die diese mit sich bringen, passen und nicht länger die Maßstäbe einer Gesellschaft, die längst nicht mehr oder nur in den Köpfen ihrer Verteidiger existiert!
Vivienne
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