von Vivienne – Jänner 2004
Vom Zusammenleben der Geschlechter, Teil 2
Neulich, liebe Leser, habe ich von den Beziehungsängsten gesprochen, die uns daran hindern, erfüllende Beziehungen einzugehen. Der eine verweigert sich indirekt der Liebe, weil er so verletzt wurde, dass er vor lauter Angst, wieder gedemütigt und ausgenutzt zu werden, sein Verhalten derart gestaltet, dass sich Beziehungen oder Liebe gleich gar nicht ergeben. Man trifft einerseits die falschen Leute und erkennt andererseits die nicht, die einem ehrliche, offene Gefühle entgegenbringen.
Im krassen Gegensatz dazu agieren jene, die von Beziehung zu Beziehung flattern, und die nicht schnell genug beim anderen Geschlecht zur Sache kommen können. Die Gefühle flackern auf und lodern in heftigen Flammen, aber wenn es darum geht, den Menschen hinter der Fassade des Liebhabers oder der Geliebten zu offenbaren, passen diese, sie sind nicht fähig dazu, in dem Maße in dem sie beziehungsunfähig sind, denn im Grunde sind auch ihre Gefühle unbewusst solcherart angelegt, dass sie gar nicht länger dauern sollen: nur keinen Bestand, nur nicht zeigen, wie tief verletzlich ich bin!
Leider muss man feststellen, dass man auf solche Beziehungschaoten von beiden Varianten immer öfter trifft. Dauersingles wie Menschen mit ewig wechselnden Partnern nichts Seltenes mehr. Dazu kommt, dass jene Paare, die sich in eine Ehe wagen, auch schon nach relativ kurzer Zeit den Hut drauf schmeißen. Bald 46 % aller in Österreich geschlossenen Ehen scheitern im Laufe der Jahre. Woran liegt das? Neulich diskutierten ein paar Kolleginnen bei mir in der Arbeit über dieses Phänomen, beide schon sehr lange im Heiligen Stand der Ehe und es war interessant zuzuhören, welche Schlussfolgerungen sie daraus gezogen hatten.
Immer wieder kam durch, dass die Menschen es sich zu leicht machen, eine Liebe, eine Beziehung, sei es jetzt mit oder ohne Kinder, hinzuwerfen. Man redet nicht mehr miteinander, man versucht Konflikte nicht mehr zu lösen, man schreit sich entweder gegenseitig an oder schweigt und zeigt sich die kalte Schulter. Menschen, die sich einmal heftig geliebt haben, miteinander alt werden wollten… Das erkennt man am besten, wenn man sich die Gründe ansieht, weswegen Ehen geschieden werden, eine/r verlassen wird oder Ähnliches.
Ich rede jetzt nicht davon, wenn eine Frau, die von ihrem trinkenden Ehemann über Jahre geschlagen wird, endlich aus diesem Gefängnis ausbricht. Und umgekehrt auch nicht davon, wenn ein Mann, dem etwa ständig von seiner Partnerin Hörner aufgesetzt werden, schließlich diesen Teufelskreis beendet. Es gibt fraglos sehr viele Beziehungen dieser oder ähnlicher Art, die nicht zu retten sind und bei denen es nur um Schadensbegrenzung für einen Betroffenen selbst geht. Aber andererseits kommt so manches Verhältnis leider einmal an einen Punkt, an dem man sich im Kreis zu drehen beginnt.
Eine Summe von kleinen Problemen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben, hat die Partner, Mann wie Frau, mehr oder weniger zermürbt. Die Gefühle sind im Moment nicht mehr so stark, und in dieser Situation wird meist zu leicht das Handtuch geworfen. Sich gegenseitig Freiräume und Auszeiten zuzugestehen allein reicht nicht aus. Die wichtigste Therapie ist noch immer das Gespräch: Leute, redet miteinander! Sagt euch einmal von Herzen aber so unemotionell wie möglich, was euch am anderen stört, was für euch die Beziehung einfach schwierig oder mühsam gemacht hat.
Duchs Reden kommen die Leut zsamm! heißt es nicht umsonst. Woran liegt es, dass zwei Menschen, die sich gegenseitig einmal die Welt zu Füßen legen wollten und vielleicht auch gemeinsam Kinder in die Welt gesetzt haben, plötzlich jede Achtung, jeden Respekt voreinander verlieren und Streitgespräche auf unterstem Niveau miteinander austragen? Oder womöglich noch schlimmer: eine/r packt die Koffer und geht, ohne viel Worte. Wir haben uns auseinander gelebt… Auseinander gelebt, was heißt das überhaupt? Wenn ein Paar wie zwei Fremde und völlig gleichgültig nebeneinander lebt, wie kann es dazu kommen? Wo ist das Herzklopfen geblieben, das Glücksgefühl oder die Wärme beim Anblick des anderen? Wie kann man die tiefen Gefühle für den anderen nur so vor die Hunde gehen lassen?
Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Ein neuer Audi wird nach drei Jahren durch das neueste Modell ersetzt. Semmerl und Brot vom Vortag landen im Müll, im Elektro- und Hi-Tech-Bereich kommen ständig neue Geräten mit neuen Funktionen heraus, und wer glaubt, sich diesem Konsumzwang verweigern zu können, wird feststellen, dass er das nicht kann: diese neuen Geräte sind nicht für die Ewigkeit gebaut, sie werden schnell kaputt oder sind von Anfang an fehleranfällig. Also weg damit und her mit dem Neuen!
Diese Wegwerfmentalität färbt auch auf das zwischenmenschliche Verhalten ab: Warum kämpfen um den oder die Liebste/n, sich wegen seiner Macken ärgern, wenn so viele potentielle Partner überall herumlaufen, die vielleicht auch noch pflegeleichter sind? Ganz zu Schweigen vom Reiz des Neuen (oder der Neuen), die Gefühle sind wieder erregt und das Verlangen nach dem anderen Geschlecht ist wieder groß… Aber ist das die Liebe? Kann ich meine Gefühle so mir nichts dir nichts auf jemanden anderen übertragen? Und wenn wirklich ist das überhaupt Liebe und nicht einfach eine simple sexuelle Anziehung gepaart mit Neugier und dem Wunsch nach Veränderung?
So manch einer bleibt nach einer solchermaßen beendeten Beziehung allein zurück. Die große Liebe hält schon jemand anderen im Arm und selber ist man verloren mit seinen Gefühlen, mit dem Schmerz und der Verzweiflung. .. in guten wie in schlechten Tagen…? Keiner verlangt, dass man beieinander bleiben muss, bis dass der Tod uns scheidet, mit Sicherheit weiß man es nie, ob es klappt, auch wenn man es sich wünscht, aber versuchen könnte man es wenigstens, ernsthaft…
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