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13.09.2005, © Vivienne

Fahrgemeinschaft, einmal so und einmal anders 

Ich musste noch immer den Kopf schütteln, als ich nach der Arbeit vom Bus ausstieg und die paar Hundert Meter in unsere Wohnung ging. Was mir da Erika, eine Kollegin aus dem vierten Stock erzählt hatte, konnte ich noch immer fast nicht glauben. Sie war aus dem tiefsten Mühlviertel und fing schon sehr früh zu arbeiten an, weswegen sie mit dem Zug nicht fahren konnte. Eine Bekannte von ihr, die auch jeden Tag mit dem Auto nach Linz fahren musste, hatte sich angeboten, ihr in der Situation zu helfen. Und normalerweise hatte diese Zweckgemeinschaft, für die Erika nicht wenig Geld an Benzinkosten berappen musste, gut funktioniert.

Aber letzte Woche war die Bekannte krank geworden. Und anstatt anzurufen, wenn möglich noch am Vorabend, damit sich Erika eine andere Mitfahrgelegenheit suchen konnte, wartete Erika beim vereinbarten Treffpunkt während es immer später wurde. Schließlich rief sie bei der Bekannten an, die sich wiederum ärgerte, dass sie aufgeweckt worden war. „Ich bin doch krank! hat sie sich aufgeregt!“ ärgerte sich Erika noch im Nachhinein. „Nein, das gibt es nicht!“ Überrascht über so eine Argumentation fehlten mir fast die Worte. „Und? Was hast du gesagt?“ Erika breitet die Arme aus. „Nun, ich habe sie gefragt, warum sie sich nicht gemeldet hat bei mir, damit ich Bescheid weiß. Worauf sie keck meinte, das würde ich doch ohnehin merken, wenn sie nicht käme!“ „Na so was!“ Ich hielt mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg. „Wie viel zahlst du dieser Person für die Fahrtkosten?“

Erika schnaubte. „Fast vierzig Euro jeden Monat und das ist viel Geld. Obwohl wir fast dieselbe Strecke haben. Da wäre es wohl das Mindeste mich vorzuwarnen, ich muss ja auch in die Arbeit kommen. Aber ich habe jetzt umdisponiert. Die Nachbarin wird mich die nächste Zeit mitnehmen, und die verlangt auch nicht so viel für die Benzinkosten. Sag, was du willst, Vivi, aber in solchen Momenten erkennt man, wes Geistes Kind jemand ist.“ Da hatte Erika wohl Recht. Ich war schon in der Wohnung und begann in der Küche zu hantieren wo ich den Gemüsestrudel von gestern für mich aufwärmte. Ali wollte ich ein Putenschnitzel und Pommes Frites warm machen. Die Musik im Radio lief so laut und so hörte ich nicht gleich, wie Ali im Vorzimmer die Schuhe auszog und den Schirm abstellte. Es hatte mittlerweile wieder zu regnen begonnen. Wieder einmal in diesem Sommer…

Nach dem Essen brachte ich das Thema unausweichlich auf Erikas Geschichte. „So unverfroren musst du erst einmal sein! Vielleicht bin ich da anders geartet als die meisten, aber mir würde es nicht im Traum einfallen, jemanden so im Regen stehen zu lassen. Eigentlich eine Frechheit…findest du nicht?“ Albert zippte mit der Fernbedienung durch die Kanäle. „Das stimmt schon.“ Seine Stimme klang leicht abwesend.“…aber ich kenne auch die andere Seite.“ „Andere Seite?“ Ich runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“ Ali legte die Fernbedienung weg. Im ZDF lief eine Serie. „Die andere Seite. Du erinnerst dich vermutlich nicht mehr, aber nachdem du damals aus der Firma ausgeschieden bist…“ Ali machte eine gedankenvolle Pause. „..nachdem du damals weg warst, fing eine andere Kollegin bei uns an. Als deine Nachfolgerin. Sie hieß Marlene Günter.“

Von dieser Frau hatte ich nie etwas gewusst. Aber Ali sah mich nachdenklich an und fuhr fort. „… sie kam aus Ansfelden oder Haid und hatte eine schreckliche Verbindung nach Linz herein. Und ein paar Mal fragte sie mich, ob ich sie nicht heimbringen könnte. Wegen diesem und jenem. Schnell ergab es sich, dass ich sie fast jeden Tag heimbrachte und in der Früh holte. Und schließlich dachte ich mir, dass es in dem Fall nicht unbescheiden wäre, ein wenig Fahrtkosten von ihr zu fordern. Immerhin war die Gegend für mich auch ein ordentlicher Umweg, also hielt ich das durchaus für angebracht. Ich dachte an etwa dreihundert Schilling, also nichts Unmögliches, die Monatskarte hätte sie um einiges mehr gekostet. Aber du hättest sie dann erleben sollen!“

Ungläubig hob ich die Augenbrauen. „Das war ihr zu viel?“ Mein Mann nickte. „Ja, das stimmt. Sie begann zu zetern, ich würde sie und ihre Notsituation ausnutzen. Was ich mir eigentlich denken würde dabei. Ich bin anfangs noch ruhig geblieben. Ich rechnete ihr vor, was ich für Mehrkosten an Treibstoff hatte, seit ich sie regelmäßig fahren würde. Und versuchte ihr zu erläutern, dass ich noch sehr human geblieben war. Aber sie ist mich angefahren wie eine Furie. Sie hat auch in der Arbeit über mich zu schimpfen begonnen, was ich nicht für ein schlechter Kerl wäre! Die meisten haben sie ohnedies nicht ernst genommen. Und sie hat dann relativ kurz darauf selber gekündigt… Ein verrücktes Huhn war sie, nichts anderes.“

Ich ließ mir Alis Erzählung noch einmal durch den Kopf gehen. Es gab immer solche und solche, und so gutmütig und menschenfreundlich konnte man letztlich gar nicht agieren, dass es nicht Mitmenschen gab, die das auszunutzen versuchten. Marlene Günter hatte wohl geglaubt, sie hätte mit Ali einen Torfkopf gefunden, der sie kostenlos und zu seinem finanziellen Nachteil täglich chauffieren würde. Eigentlich mehr als nur unverfroren, so ein Gebaren. So was kam aber gar nicht so selten vor, wie man annehmen würde…

Vivienne

 

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