Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  Jänner 2005



Lillys Gedanken zur „Direktheit“

Worte auf die Waagschale legen.
Abwägen, wie man eine Nachricht am besten formuliert.
Um niemanden zu brüskieren.
Bisweilen ist es nötig.
Und richtig.
Ich selber gebe das zu.
Und finde blumige Worte um Unangenehmes zu verkleiden.
Mein Chef ist oft begeistert darüber.
Obwohl es im Grunde nicht das Meine ist.
Das „Verkleiden“.
Vielmehr schockiere ich oft meine Umwelt durch eine Offenheit.
Eine Offenheit, die nicht erwünscht ist.
Gott, bist du direkt!
Das habe ich schon öfter gehört.
Manch einem hab ich es schon „beinhart“ gesagt.
Und mir Feinde gemacht.
Oder Verdruss.
Ich steh trotzdem dazu.
Ich hasse Halbwahrheiten.
Ich hasse auch Herumgerede.
Gerade heraus – das ist meine Devise.
Ich selber vertrag das durchaus.
Die Leute um mich nicht immer.
Ich bin gewöhnungsbedürftig.
Bisweilen.
Manch andere liebt es sogar…
Aber ich stoße damit an Grenzen.
Ich breche anscheinend Tabus.
Und verstehe nicht immer warum.

Vor allem versteh ich nicht…
…warum so wenige Leute zu mir so offen sind.
Wie ich zu ihnen.

Was aber weniger an der Angst vor meiner Reaktion liegt.
Sondern viel mehr an der Angst ehrlich zu sein.
Es kostet Kraft, die Wahrheit auszusprechen.
Es ist so unsagbar schwer, die Dinge so zu erklären wie sie sind.
Offen zu sein liegt den Wenigsten.
Darum flüchten sie in Umschreibungen.
Darum bemänteln sie sich mit schönen Worten.
Um das Unangenehme zu bedecken.
Ich wäre ein wahrer Meister darin.
Mit meinem Talent schöne Worte zu finden.
Wenn ich es in so einer Situation wollte.
Ich weiß.
In gewissen Situationen muss auch ich zur Blume Zuflucht nehmen.
Obwohl ich es hasse.
Trotzdem bevorzuge ich den direkten Weg.
Vielleicht auch verletzend offen bisweilen.
Aber ich versuche so ehrlich wie möglich zu sein.
Weil es mein innerstes Naturell ist.
Unaufrichtigkeit ist nicht meins.
Unausgesprochenes zwischen mir und einem Menschen belastet mich.
Lieber die harte Wahrheit.
Als der Wahrheit aus dem Wege gehen.
Irgendwann muss man sich ihr doch stellen.

Auch in der Liebe.

Oft schon war ich unglücklich verliebt.
Die Situation zwischen Bangen und Hoffen.
Sie ist mir vertraut wie ein alter Bekannter.
Ich kenne aber auch die andere Seite.
Geliebt zu werden ohne selbst zu lieben.
Ich selber ließ nie einen Zweifel daran.
Weil es mir unangenehm war.
Ihn in so einer Situation zu belassen.
Ihn im Regen stehen zu lassen.
Umgekehrt hätte ich es mir auch oft gewunschen…
Aber das passierte nicht immer.
Offenheit kann man nicht erzwingen.
Auch nicht in dieser Situation…

Wer einen Job sucht geht oft durch die Hölle.

Jedes Vorstellungsgespräch nährt neue Hoffnung.
Man bemüht sich Eindruck zu machen.
Durch Kompetenz zu glänzen.
Dann der berühmte Satz.
Wir melden uns, wenn die Entscheidung gefallen ist.
Man wartet.
Tage.
Auf den Anruf.
Mit den erlösenden Worten:
Wir haben uns für Sie entschieden.
Wann können Sie anfangen?
Aber oft wartet man vergeblich.
Kein Anruf.
Nur ein Schreiben nach einer Woche.
Wir haben uns anders entschieden…
Alles Gute auf dem weiteren Weg…
Enttäuschung.
Ich weiß, dass die Auswahl oft schwierig ist.
Aber bisweilen fällt eine gewisse Auslese bereits vorher.
Während des Gesprächs.
Und dann sollte man ehrlich sein.
Als Personalchef.
Phrasen helfen nicht weiter bei der Jobsuche.
Ein schlaffer Händedruck zahlt keine Rechnungen.

Aber unsere Gesellschaft denkt anders.
Auf fromme Lügen wird wertgelegt.
Während ich selber meine Offenheit pflege.
Wo immer es möglich ist.
Auch wenn ich mir nicht immer Freunde damit mache…

Vivienne/Lilly

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