Teheran – Tonis O-Ton

Sie hatten sich auf den Platz verabredet. Der Platz roch nach Rauch und nassem Asphalt. Es war später
Nachmittag in Teheran, und der Himmel hatte die matte Farbe von Wüstenstaub angenommen.
Neda zog den Hijab tiefer über ihr Haar, nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Um sie herum
drängten sich Menschen, Studenten, alte Männer, Frauen mit Kinderwagen. Manche flüsterten nur, andere
riefen Parolen, die in den engen Straßen widerhallten.
„Freiheit“, murmelte jemand hinter ihr.
Die Menge antwortete wie eine einzige Stimme. „Freiheit“
Dann kamen die Garden.
Schwarz lackierte Motorräder rollten in die Straße. Männer in dunklen Uniformen, mit Helmen und
Schlagstöcken. Die Abzeichen der Islamic Revolutionary Guard Corps glänzten im schmutzigen Licht.
Für einen Moment wurde alles still.
Neda spürte, wie die Hand ihrer Freundin Sara ihre Finger suchte. Sara trug einen hellblauen Hijab, der
im Wind flatterte wie eine kleine Fahne.
„Bleib bei mir“, flüsterte sie.
Der erste Knall zerriss die Stille.
Tränengas. Schreie. Menschen rannten, stolperten, stürzten übereinander. Neda sah, wie ein Mann neben
ihr zu Boden ging, Blut auf seinem Hemd, als hätte jemand eine rote Blume darauf gemalt.
Die Motorräder rasten mitten in die Menge.
Schlagstöcke hoben und senkten sich. Ein Schuss, dann noch einer.
Sara ließ ihre Hand los.
„Sara!“ rief Neda, doch ihre Stimme verschwand im Lärm.
Zwischen Rauch und Staub erkannte sie Frauen, deren Hijabs verrutscht waren, die trotzdem weiter
riefen. Eine ältere Frau stand mitten auf der Straße, die Arme erhoben, als wolle sie den Himmel selbst zur
Zeugin machen.
Dann sah Neda Sara wieder.
Sie lag auf dem Asphalt, der blaue Hijab halb unter ihrem Kopf, das Gesicht seltsam ruhig. Jemand kniete
neben ihr und presste verzweifelt Stoff auf eine Wunde, doch das Blut floss weiter, dunkel und schnell.
Um sie herum rannten Menschen, stolperten über die Verwundeten, trugen Körper weg.
Die Sirenen begannen zu heulen.
Neda kniete sich neben ihre Freundin und spürte plötzlich, wie still alles in ihr geworden war. Als hätte
der Lärm der Stadt einen Kern erreicht, den er nicht mehr erschüttern konnte.
„Siehst du“, flüsterte sie, obwohl Sara sie nicht hören konnte, „Ich bin noch hier.“
Über ihnen färbte sich der Himmel langsam schwarz. Und irgendwo in den Straßen von Teheran rief die
Menge immer noch nach Freiheit.
Die Nacht fiel schnell über Teheran. Zu schnell.
Neda saß noch immer auf dem Asphalt. Ihre Hände waren klebrig vom Blut. Es trocknete langsam,
spannte auf der Haut wie billiger Lack.
Um sie herum zog sich die Menge zurück, als hätte jemand einen unsichtbaren Stecker gezogen. Nur
vereinzelte Schreie, Sirenen, das Knattern der Motorräder der Garde.

Ein junger Mann zerrte an ihrem Ärmel.
„Steh auf. Wenn sie dich hier finden, bist du tot.“
Sie stand nicht auf.
Er fluchte, rannte weiter.
Neben ihr lag Sara. Der blaue Hijab war jetzt dunkel. Neda versuchte, nicht hinzusehen, aber ihre Augen
kehrten immer wieder dorthin zurück.
Ein paar Meter weiter rauchte ein Müllcontainer. Jemand hatte ihn angezündet. Die Flammen warfen
schmutziges, oranges Licht über die Straße. Es sah aus wie eine billige Barbeleuchtung – nur dass hier
niemand trank.
Ein Demonstrant schleppte sich vorbei, die Stirn aufgerissen.
„Sie schießen jetzt richtig“, sagte er zu niemandem.
Dann verschwand er.
Die Motorräder kamen wieder.
Drei diesmal.
Sie hielten am Ende der Straße. Die Männer stiegen ab. Schwarze Stiefel. Schlagstöcke.
Einer von ihnen zündete sich eine Zigarette an.
Der Rauch stieg ruhig auf, als wäre das alles hier nur eine langweilige Schicht.
Neda stand schließlich doch auf. Ihre Knie zitterten. Nicht vor Angst. Eher wie nach zu wenig Schlaf und
zu viel schlechtem Kaffee.
Sie zog Saras Hijab gerade.
„Tut mir leid“, murmelte sie.
Einer der Gardisten zeigte mit dem Schlagstock auf sie.
„Hey!“
Seine Stimme klang gelangweilt.
Neda sah ihn an. Einfach so. Ohne etwas zu sagen.
Der Mann ging ein paar Schritte auf sie zu.
Hinter ihr knallte plötzlich eine Flasche auf dem Asphalt. Glas zersplitterte. Jemand brüllte wieder
„Freiheit!“ , heiser, fast kaputt.
Der Gardist drehte kurz den Kopf zu Sara.
Nur einen Moment.
Neda rannte.
Durch Rauch. Über Müll. Über Blut, das im Licht des Feuers glänzte.
Hinter ihr Motoren.
Vor ihr dunkle Gassen.
Und irgendwo in der Stadt, zwischen Beton, Minaretten und kaputten Fenstern schrie noch immer jemand
nach Freiheit, als wäre es das Einzige, was man in dieser verdammten Stadt noch sagen konnte.
Die Gasse roch nach Katzen, Diesel und kaltem Fett.
Neda rannte, bis ihre Lungen brannten. Dann rannte sie noch ein Stück weiter, nur um sicherzugehen. In
Teheran lernte man früh, dass „sicher genug“ meistens eine Lüge war.

Hinter ihr hörte sie die Motorräder irgendwo auf der Hauptstraße. Das Geräusch war wie eine schlechte
Erinnerung, es verschwand nie ganz.
Sie blieb stehen.
Lehnte sich gegen eine Betonwand.
Ihre Hände zitterten. Erst jetzt merkte sie es wirklich. Blut klebte noch an ihren Fingernägeln. Saras Blut.
Neda wischte es an ihrer Hose ab. Es half nichts.
Am Ende der Gasse brannte eine einzelne Neonlampe über einem kleinen Laden. Halb heruntergelassenes
Rolltor. Dahinter ein alter Mann auf einem Plastikhocker, der Tee trank, als wäre heute Dienstag und
nichts Besonderes passiert.
Vielleicht war es für ihn auch so.
Neda ging auf ihn zu.
Der Mann sah sie an. Lange. Dann stellte er das Glas ab.
„Demonstration?“ fragte er.
Sie nickte.
Er betrachtete das Blut an ihren Händen.
„Viele Tote?“
Neda zuckte mit den Schultern.
„Genug.“
Der alte Mann seufzte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. Dann griff er hinter sich, holte eine
Plastikflasche Wasser hervor und stellte sie auf den Tresen.
„Wasch dich.“
Sie tat es. Das Wasser lief rot in die Rinne am Boden. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass die
ganze Stadt in diese Rinne blutete.
„Wie alt bist du?“ fragte der Mann.
„Dreiundzwanzig.“
Er nickte langsam.
„Zu jung für Revolutionen.“
Neda senkte den Blick.
„Zu alt, um nichts zu tun.“
Der Mann lächelte schief. Ein Lächeln von jemandem, der schon zu viele Jahre gesehen hatte.
In der Ferne hörte man wieder Schüsse.
Kurz. Trocken.
Neda sah zur Straße hinaus.
„Sie werden morgen wieder kommen“, sagte sie.
Der Mann hob sein Teeglas.
„Natürlich.“
Eine Pause.
Dann fragte er ruhig:
„Und du?“

Neda zog den Hijab wieder über ihr Haar. Er roch nach Rauch und Tränengas.
Sie dachte an Sara auf dem Asphalt.
An den blauen Stoff.
An die Stille in ihrem Gesicht.
„Ich auch“, sagte sie.
Draußen heulte eine Sirene durch die Nacht von Teheran. Und irgendwo, zwischen Beton und Dunkelheit,
begann die Menge schon wieder zu wachsen.

 

©Chefschlumpf

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