Der Sinn des Zölibats

Im Schatten des „Jahrtausendfalles“ des Inzestvaters von Amstetten, wurde hierzulande auch die Zölibatsfrage wieder losgetreten: der Pfarrer von Ungenach, Josef Friedl, hat sich kürzlich zu seiner Lebensgefährtin bekannt und hat damit nicht nur Zustimmung geerntet. Der Gottesmann, der schon in der Causa Arigona mutig Position bezogen hatte, darf nicht länger sein Amt als Dechant ausüben. Über den Fortbestand seines Priesteramtes wird später entschieden… Immer wieder wird in dem Zusammenhang auf die Unvereinbarkeit des Priesteramtes mit einer Nichteinhaltung des Zölibats hingewiesen. Grundsätzlich möchte ich gar nicht in Frage stellen, dass ein Pfarrer heutzutage genau weiß oder wissen sollte, auf was er sich einlässt, wenn er dieses Amt wählt. Die Frage, die sich mir eher stellt, ist, wem es irgendetwas bringen soll, wenn ein Pfarrer „keusch“ lebt und seine völlig natürlichen Triebe nicht auslebt…

Gern wird von der Kirche in dem Zusammenhang auch auf die Ehelosigkeit der Apostel und Jünger Christie hingewiesen, die bei genauerer Betrachtung der Materie allerdings in Wahrheit ihre Familien verlassen haben um Jesus zu folgen. Das kurz dazu. Historisch betrachtet gibt es genug „prominente“ Fälle von Priestern und Gottesmännern, die trotz des Zölibats und ihrer hohen Ämter den fleischlichen Genüssen durchaus frönten: Bei uns ist wohl Wolf Dietrich von Salzburg der bekannteste unter ihnen, der mit seiner Salome Alt fast ein ganzes Regiment von Kindern zeugte. Ein alter Witz belegt zudem, dass das Faktum der „Menschlichkeit“ von so manchem Priester auch den Schäfchen durchaus bewusst war: Wird doch der Unterschied zwischen katholischen und evangelischen Pfarrern dermaßen definiert, dass beim Protestanten die Windeln vor dem Kirchenhaus aufgehängt werden…

Hand auf’s Herz, fast jeder von uns kennt einen Pfarrer, der seine Liebe durchaus fleischlich pflegte. Warum auch nicht? frage ich ganz provokant. Der Sexualtrieb des Menschen ist etwas völlig Natürliches, wie Hunger, Durst und Schlaf und einmal abgesehen davon, dass diese Dinge bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt sind: ich wage fast zu behaupten, wenn jemand sein Leben ohne Befriedigung seiner sexuellen Triebe verbringen kann, dann stimmt etwas nicht mit ihm. Es ist auch an der Zeit, in der Kirche zu erkennen, dass Sex nichts Schlechtes oder Verdammenswürdiges ist und deshalb auch nichts darstellt, das man sich akkurat verbeißen müsste, weil einen sonst Gottes Blitz trifft. Ständig zu hungern und zu dürsten hat genau so viel Sinn, ein Leben ohne Sex zieht nur eines mit sich: ein freudloses, vergeudetes Dasein ohne seine eigene Körperlichkeit ausleben zu können…

Der Sinn des Zölibats in der Betrachtung seiner Entstehung mag vor langer Zeit vielfältig und wichtig gewesen sein. So wie es durchaus einmal sinnvoll war, Sex und Geschlechtlichkeit auf eine Lebensgemeinschaft zu beschränken: so wuchsen erstens die Kinder im Verband einer Familie auf und Frauen, die damals nicht arbeiten gingen, waren versorgt. Im Zeitalter von Verhütungsmitteln und einer neuen Weiblichkeit, die gelernt hat, selbständig auf sich selber zu achten, hat sich das ad absurdum geführt. Ein verheirateter Pfarrer, der vielfältige Eheprobleme genauso schon am eigenen Leib verspürt hat wie die Sorgen um ein Kind in schwierigem Alter, prädestiniert sich selber geradezu als Anlaufstelle für die Schäfchen seiner Pfarre, weil er die Leute viel besser beraten kann. So ein Pfarrer steht einfach mitten im Leben. Die Wahrheit ist (mal abgesehen von jenen missratenen Priestern, die sich an Kindern vergreifen): ein Gottesmann, der wie ein Mensch lebt, kann nur eine Bereicherung für seine Schäfchen sein. Und im Grunde ist längst bekannt, dass sich nicht jeder Priester ernsthaft an das Zölibat gebunden fühlt, seiner Berufung aber mit tiefer Hingabe nachkommt. Nur meistens sieht die Kirche in solchen Fällen schweigend zu, außer der Gottesmann wagt den Vorstoß an die Öffentlichkeit. Dann drohen Konsequenzen, wie im Fall Friedl…

Der frühere Priester meiner Heimatpfarre war übrigens homosexuell und hat sich selber auf Ö3 geoutet. Die Leute bei uns haben das immer akzeptiert und ihn ohne wenn und aber unterstützt. Ich habe ein paar Jahre in der Pfarre ehrenamtlich mitgearbeitet und habe oft bemerkt, dass man ihn „in seiner ganzen Menschlichkeit“ angenommen hat. Wenn für das Pfarrcafé die Frauen aus den umliegenden Gemeinden selbstgebackene Kuchen und Torten hereinbrachten, deren Verkauf dann für das Pfarrhaus verwendet wurde, fiel mir öfter auf, dass nicht nur für den Priester selber sondern auch für „ihn“ ein paar besonders leckere Stücke beiseite gelegt wurden. Man nahm den Pfarrer wie er war und dass er nicht alleine lebte, störte wohl nur die „Allerheiligsten“ vorort… Er war ein guter Priester, sehr menschlich und gütig und er hat seine Pfarre mit aller ihm eigenen Kraft betreut, bis er wohl auch nicht ganz freiwillig ging…

Ich habe auch schon an anderer Stelle darauf hingewiesen: die Katholische Kirche wächst mit ihren Geboten, Antworten und Wahrheiten nicht so wirklich in eine moderne Zeit hinein, die ihrer so notwendig bedarf… Gott, so meine ich, verliert nicht sein Gesicht, wenn man Priester heiraten lässt und Frauen in ihre Position aufrücken lässt. Mehr noch: Gott fragt nicht vorrangig nach der Keuschheit, nach der Jungfräulichkeit oder nach dem Geschlecht, er fragt nach den Menschen. Mehr denn je…

© Vivienne

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