Der Tanz (5)

Der Mann beschloss ebenfalls zu rennen und kehrte zurück in das Gebäude. Der Pförtner schaute ihn wieder irritiert an. Der Mann fuhr zurück nach oben in sein Büro und begann zu rechnen. Doch immer wieder versuchte er, sich an das Lied zu erinnern und an den Tanz, aber nur Bruchstücke fielen ihm ein. Er fragte sich, was für eine Geschichte Luna ihm wohl erzählt hätte.

Aber die Tage vergingen und der Mann erinnerte sich an immer weniger. Er rechnete wieder schneller und härter. Nur nachts packte ihn manchmal die Sehnsucht, er lehnte sich weit aus dem Fenster und versuchte, den Mond zu sehen.

Eines Tages hatte der Mann wieder das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. So ging er  hinaus auf die Straße. Vom anderen Ende der Straße hörte er die Trillerpfeife. Luna rannte in seine Richtung und hinter ihr die grauen Männer. Der Mann schaute hinter sich auf das Gebäude, aus dem er gekommen war. Dann schaute er zu Luna, deren Verfolger immer näher kamen. Der Mann traf seine Entscheidung.

Er griff in seine Tasche und holte die Feder hervor. Er steckte sie hinten in seinen Kragen und aus seinem Rücken wuchsen zwei große Flügel hervor. Stark fühlte sich jetzt sein Rücken an. Nach einem kurzen Anlauf erhob er sich in die Lüfte. Er kreiste kurz über der breiten Straße über Luna, schoss hinab, griff sie und zog sie hinauf mit sich in den Himmel, bevor ihre Verfolger sie schnappen konnten. Hoch in die Lüfte erhoben sie sich, bis sie über den riesigen Gebäuden angekommen sind. So flogen sie gemeinsam dahin, flogen über graue Gebäudewüsten, tote Landschaften und einsame Täler, bis sie zu einem kleinen Berg kamen, auf dem der Mann landete.

Sobald sie auf festem Boden standen, lösten sich die Flügel auf und wurden zur Hunderten von verschiedenen Vögeln, die über ihren Köpfen kreisten. Luna schaute sich um: „Es ist schön hier, man kann den Himmel sehen. Aber sind wir hier sicher?“ Und der Mann zog den Stein aus der Tasche und warf ihn auf den Boden. Sofort wurde der Stein vor ihren Augen zu einer festen Burg mit hohen Zinnen und einem starken Tor.

„Wo sollen die Tiere leben?“, fragte Luna. Der Mann griff erneut in die Tasche und zog den Zweig seiner Lieblingsbuche hervor. Als er ihn auf den Boden fallen ließ, entstand rings um die Burg den ganzen Berg hinab ein Wald, in den die Vögel flogen. Nur ein kleiner Weg zum Fuß des Berges blieb frei.

Luna strahlte: „Nun fehlen uns nur noch Farben.“ Und der Mann griff ein letztes Mal in die Tasche, holte die rote Blüte heraus, die Luna ihm geschenkt hatte, und ließ sie zu Boden fallen. Kaum hatte die Blüte den Boden berührt, blühten überall ringsum bunte Blumen auf.

Nun begann Luna zu tanzen. Sie tanzte um die Burg herum. Dann tanzte sie weiter den Weg ins Tal hinab und wieder zurück hinauf. Mit jedem Schritt verzauberte sie den Weg. Überall, wo sie ihre Füße aufsetzte, veränderte sich die Welt. Durch den Zauber verlor jeder Mensch, der sich fortan zu ihnen verirrte, auf dem Weg allen Hass, allen Zorn, allen Neid und alle Angst. Die Besucher kamen, sie hörten und erzählten Geschichten, sie sangen und tanzten. Irgendwann gingen sie dann wieder auf dem verzauberten Weg zurück ins Tal. Luna und der Mann blieben in ihrer Burg in ihrem Wald auf ihrem Berg. Und sie tanzten im Mondschein.

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