Geschichten von der wilden Hilde – Die bunte Welt von Vivienne

Ali und ich schlenderten durch den Christkindlmarkt am Volksgarten in Linz. Das Gedränge hatte sich ein wenig verloren, aber vor allem rund um die Punschstandln staute es sich etwas. Ali hängte mir einen muranoglasähnlichen Anhänger an der Kordel um den Hals und bezahlte das hübsche Stück. Ich strahlte, dabei war doch noch gar nicht Weihnachten, wies ich ihn lachend hin. Ehe Ali etwas sagen konnte, rutsche er schon aus und landete auf dem Boden. Mich hatte er geistesgegenwärtig losgelassen, sonst wäre ich mit ihm gestürzt. Aber ich half meinem Mann gleich auf, als ich plötzlich eine singende Stimme vernahm. „Ja, mein lieber Albert! Du hier? Wie geht es dir?“ Ali wirkte sofort unwirsch, die ältere Frau im Pelzmantel mit den dunklen, gefärbten Haaren konnte noch auf eine ganz gute Figur verweisen. Sie war bei einem mittelgroßen, schnauzbärtigen Mann im dunklen Lodenmantel eingehängt.

„Das muss deine Frau sein! Wie heißt sie noch? Lydia?“ Die Frau trug einen seltsamen Hut, der eher wie eine Klomuschel aussah, wie ich für mich selber feststellte. Ali nickte. „Tante Hilde! So eine Überraschung. Dich hätte ich nicht hier vermutet…“ Der Tonfall seiner Stimme verriet mir, dass er auf diese Überraschung gerne verzichtet hätte. Wir stellten uns vor. Der Begleiter von Alis Tante hieß Fritz und war ihr Lebenspartner, wie sie verliebt lächelnd betonte… Ali räusperte sich und ich merkte, dass er rasch die Flucht ergreifen wollte. Selbst Tante Hilde, die doch eher mit sich selbst beschäftigt schien, musste das klar geworden sein. „Grüß mir deine Eltern, Albert. Es geht ihnen doch gut?“ Albert lächelte bemüht. „Aber natürlich. Vati ist in Pension. Und Mutti geht in zwei Jahren. Amüsiert euch noch gut!“ Wir winkten und ich warf Ali einen neugierigen Seitenblick zu. „Wer war denn das, Ali? Tante Hilde? Dein Vater war ein Einzelkind und deine Mutter hat drei Brüder!“

Ali zog mich rasch in einen Seitengang. „Sind sie endlich weg?“ Spürbar entspannter fuhr er fort. „Das war Tante Hilde, eine Arbeitskollegin meines Vaters bevor sie in den Magistrat wechselte und Beamtin wurde. Eine zeitlang ging sie bei uns daheim ein und aus und ob du es glaubst oder nicht: sie ist meine Firmpatin. Immerhin spendierte sie mir eine tolle Uhr, aber trotzdem habe ich sie nie gemocht.“ Albert grinste. „Meiner Schwester ging es übrigens genauso. Und so verrückte Hüte wie heute hat sie immer schon aufgehabt. Sie fand das immer sehr angesagt…“ Ich betrachtete Ali von der Seite. „Warum magst du sie eigentlich nicht?“ Ali druckste herum. „Sie ist schräg, aber nicht im positiven Sinn. Sie geht schon gegen sechzig aber verheiratet ist sie erst seit ein paar Jahren.“ „Macht ja nichts!“ wagte ich zu widersprechen. „Dieser Fritz scheint ja recht umgänglich zu sein!“ Albert lachte gehässig. „Fritz ist nicht ihr Mann, Fritz ist der Mann, den sie sich angelacht hatte, nachdem sie ihren Mann ins Altersheim gesteckt hatte. Ihr Mann ist ein Pflegefall mit seinen 75 Jahren und einmal im Monat besucht sie ihn auf exakt eine halbe Stunde.“

Ich schluckte. „Ihr Mann lebt noch?“ „Natürlich“, klärte mich Ali auf. „Das Schäbigste an der Geschichte ist, dass sie ihn vorher noch zwang, in der Lebensversicherung sie als Begünstigte einzusetzen. Vorher hätten seine Kinder alles bekommen…“ Für einen Moment verschlug es mir die Sprache. „So ein Miststück!“ hörte ich mich schließlich selber sagen. „Ihr Mann ist also im Altersheim und sie lebt und amüsiert sich mit diesem Fritz…“ „Sei nicht so schockiert“, versuchte mich Albert zu beruhigen. „Im Grunde geht uns das nichts an. Aber arg ist es natürlich. Dem Vernehmen nach lässt sie es sich auf dem Magistrat ja auch gut gehen. Den Arbeitstag dort beginnt sie mit einer großen Tasse Kaffee und einem Croissant. Dann liest sie erst einmal die Zeitung. Und angeblich geht sie auch während der Arbeitszeit zum Friseur.“ „Oh.“ Ich war so verdattert, dass ich nach wie vor etwas nach Worten rang. „Da sagt keiner was?“ Albert zuckte die Achseln. „Sie ist pragmatisiert. Wer sollte etwas sagen? Leute wie sie haben Narrenfreiheit!“

Wir spazierten Richtung Parkhaus weiter. Den Christkindlmarkt ließen wir hinter uns. Albert zeichnete ein beredtes Bild von seiner Firmpatin. „Nun, die Hilde zeichnete sich auch durch ein ausschweifendes Privatleben aus. Je älter sie wurde, desto mehr Liebhaber angelte sie sich. Sogar nach meinem Vater streckte sie kurzzeitig die Fühler aus. Mein Vater ließ sie nicht nur abblitzen sondern schränkte auch nach und nach den Kontakt zu ihr ein. Er hat immer gemeint, dass es ihre Sache sei, was sie privat anstellt, aber er wäre bestimmt nicht scharf auf eine, auf der schon etliche Dutzend gelegen hätten.“ Ich musste grinsen. „Gesunde Einstellung“, meinte ich. „So was fehlt Hilde völlig“, grinste mein Mann. „Eigentlich ist sie sehr ausländerfeindlich, aber sie hatte einige Zeit tatsächlich einen türkischen Geliebten. Sie wollte einfach wissen, wie sich das anfühlt, wenn sie von einem beschnittenen Mann gevögelt wird.“ Ich prustete los. „Nein! So eine unmögliche Person!“

Ali stimmte laut in mein Gelächter ein. Er öffnete die Tür zum Parkhaus und wir traten ein. „Auch darum haben sie ihr im Magistrat den Namen „Wilde Hilde“ verpasst. Sie respektiert keine Grenzen und sie hat kein Benehmen und keinen Anstand. Dabei kann sie aber auch nicht den Mund halten und plaudert ihre Eskapaden regelmäßig aus. Dass sie deswegen auch durch den Kakao gezogen wird, scheint sie nicht zu stören. Sie genießt es einfach im Mittelpunkt zu stehen… Übrigens…“ Ali sperrte das Auto auf und wir setzten uns. „…geheiratet hat sie nur, weil sie in ein gewisses Alter kam. Die finanziellen Aussichten ihres bedauernswerten Mannes spielten dabei die wichtigste Rolle. Er hat sie mit Schmuck behängt bis er hilflos wurde und sie ihn ins Altersheim verfrachtete. Selber pflegen wollte sie ihn nämlich nicht.“ Ali starktete den Motor. „Jetzt weißt du alles von Hilde…“

Vivienne/Gedankensplitter

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