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13.11.2005, © Vivienne
Noch einmal die Kurve gekratzt
Wenn ich bei mir daheim auf Besuch bin, sehe ich auch oft Leo Wimmer, der in der Siedlung lebt, in dem kleinen Haus, das ihm seine Eltern hinterlassen haben. Leo ist ein komischer Kauz, fast so etwas wie eine verkrachte Existenz. Irgendwie immer wie ein Kind geblieben, sah er, der fast in meinem Alter steht, lange wie ein Bürscherl aus, bis ihn ein Freund zum Judo brachte. Kaum zu glauben, aber der Sport, den der ein bissl tolpatschige aber vor allem auch sehr ehrgeizige junge Mann ausübte, machte ihn erst richtig erwachsen. Bekannte haben mir glaubhaft versichert, dass ihm erst nach dem er mit Judo angefangen hatte, Brusthaare gewachsen waren obwohl ich mir das selber ehrlich gesagt nur schwer vorstellen kann.
Leo engagierte sich also im Sport und arbeitete hauptberuflich für eine Verlagskette weniger elegant formuliert: er trug nächtens die Tageszeitungen für die Leser im Ort aus. Viel blieb ihm dabei nicht, was er mir so erzählte, aber er konnte ganz gut leben, da ihn das Wohnen bei seinen Eltern nichts kostete. Leo war immer ein fleißiger Bursch gewesen, sehr umsichtig und darauf bedacht, seine Arbeit ordentlich zu machen. Aber nach und nach veränderte er sich: durch ein paar Freunde, die sich durchwegs aus dem Judoka-Verein rekrutierten, fand er Gefallen am Biertrinken und es kam immer öfter vor, dass er mit seinem Motorrad alkoholisiert unterwegs war. Einmal hatte er im betrunkenen Zustand auch einen Unfall und verlor für vier Wochen den Führerschein:
Doch Leo hatte Glück: Er fand eine adäquate Vertretung in seiner Arbeit und ging die vier Wochen einfach auf Urlaub. Eine Lehre war ihm der Vorfall nicht wirklich. Leider, und der Tod von ein paar Vereinsfreunden in den Jahren darauf warf ihn zusätzlich aus dem Gleichgewicht. Das heißt, er trank mehr denn je und auch der Zeitungsverlag wurde immer unzufriedener mit ihm. Ich selber stand Leo nicht wahnsinnig nahe, aber es tat trotzdem irgendwie weh, dass der Mann, der nie die Chance gehabt hatte, etwas Ordentliches zu lernen, sein Leben nicht mehr in den Griff bekam. Seine Mutter jammerte mir bisweilen vor, dass sie nicht mehr wusste, wie sie ihm helfen könnte was sollte denn aus ihm werden, wenn sie und ihr Mann nicht mehr leben würden?
Das Leben wartet öfter mit Chancen auf, als wir ahnen. Eigentlich immer wieder. Und Leo bekam eine Lebenschance auf dem Tablett serviert ohne dass er es zunächst ahnte. Dem Vernehmen nach muss Leo schon länger unter indifferenten Bauchschmerzen gelitten haben. Vor allem, wenn er das Bier kalt trank. Ein Bekannter erzählte mir dann, dass Leo eines Morgens nach der Arbeit nicht mehr konnte: Er muss sich gekrümmt haben vor Schmerzen im Bauchbereich, so sehr, dass ihm der Schweiß aus der Stirn trat. Ich glaubte ehrlich, ich müsste sterben! gestand mir Leo einige Wochen später, als wir bei einem Eis in einem Kaffeehaus saßen.
Der Hausarzt, den er dann anrief und der nach Stunden (!) erst zur Visite zu ihm kam, glaubte an eine wirkliche schlimme Erkrankung. Denn binnen kurzer Zeit machte das Gerücht die Runde, Leo wäre an der Bauchspeicheldrüse erkrankt. Und kaum jemand, der nicht in irgendeiner Form betroffen war, denn Leo war seit vielen Jahren im Ort bekannt wie ein bunter Hund. Eine voreilige Diagnose, die sich nicht bewahrheiten sollte: Leo hatte lediglich ein Magengeschwür, wie sich nach der Magenspiegelung herausstellte. Leo durfte bald wieder nach Hause gehen und man sollte es nicht glauben, aber er krempelte sein Leben total um. Und das in kürzester Zeit.
Leo trank kein normales Bier mehr, nur mehr Nullkommajosef. Es gab schon einige, die meinten, das würde er nicht durchziehen, zumindest nicht lange. Aber Leo strafte diese Zweifler Lügen Alkoholabhängig war er noch nicht gewesen und darum fiel es ihm unerwartet leicht, dem Biergenuss zu entsagen. Betrunken haben ich Leo seither nie mehr gesehen, und was ich so hörte und höre: Er verbringt längst nicht mehr so viel Zeit in Bierlokalen wie früher. Dicker ist er ein wenig geworden, weil ihm, wie er mir selbst erzählte, das Essen jetzt wieder viel besser schmeckt. Er genießt das Leben seither auf eine andere Art und Weise und im Grunde kann man ihm nur gratulieren: er hat die Kurve noch einmal gekratzt und sich in ein besseres, gesünderes Leben gerettet. Diese Schmerzen an jenem Morgen und die damit verbundene Todesangst haben diese Umkehr eingeleitet
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