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15.05.2005, © Vivienne

Lillys Gedanken zu Michael Jackson

Ich hörte es in den Nachrichten im Radio.
Heute früh um sechs.
Freigesprochen.
In allen zehn Anklagepunkten.
Der Polizist, der ihn hätte abführen müssen.
Im Falle eines Schuldspruches.
Er musste wieder gehen.
Unverrichteter Dinge.
Schuldig oder nicht schuldig?
Ein Fehlurteil?
Ich hörte heute eine Bekannte schimpfen!
Dieser Schuft!
Fährt heim auf seine Ranch!
Und holt sich den nächsten Buben ins Bett.
Ich fahr zu ihm.
Und verpass ihm ein Tracht Prügel!
Berechtigter Ärger einer jungen Frau.
Kinderlos.
Aber viele Nichten und Neffen.
So wie ich.

Fehlurteil?
Kann so ein Urteil je einem Menschen gerecht werden?
Der sich schuldig gemach hat?
Was ist Schuld?
Hat er die Buben belästigt?
Oder gar missbraucht?
Hat er sie nur berührt?
Oder mit Alkohol gefügig gemacht?
Ich weiß es nicht.
Aber eines sehe ich.
Jackson ist ein Wrack.
Seelisch und körperlich fertig.
Vielleicht hat er auch ein Alkoholproblem.
Er sieht furchtbar aus.
Verunstaltet von Operationen.
Die ihn schön machen hätten sollen.
Und die sein Gesicht entstellten.
Er sieht aus wie ein Alien.
Wie aus einer anderen Welt.
Und in der lebt er wohl auch.
Er ist nicht von hier…
Nein.
Er gehört nicht hierher.
Jackson ist entrückt.
Lebt in der bizarren Konstruktion seiner Träume.
Seiner Wünsche.
Einer Welt in der er nicht altern kann.
Denn das fürchtet er am meisten.
Mehr als alles andere.

Oft scheint mir.
Eines wollte Jackson sicher nicht.
Den Kindern weh tun.
Oder anders gesprochen.
Er war sich wohl dessen nicht bewusst, was er den Kindern angetan hat.
Denn das alles okay war, das er mit ihnen machte.
Das glaube ich nicht.
Das kann ich mir nicht vorstellen.
Bei einem Mann, der sich mit Kindern umgibt.
Und erwachsene Menschen meidet.
Oder auch eine echte Beziehung.
Auch wenn er zweimal verheiratet war.
Bleiben Zweifel an seiner Fähigkeit zu körperlicher Liebe.
Ein Mann, dessen eigene Kinder im Reagenzglas entstanden sind.
Das steht fast außer Zweifel.
Opfer und Täter zugleich.
Zu zerbrechlich für diese Welt.
Kein Gespür für die Normen.
Dass man kleine Buben nicht zu sich ins Bett holt.
So oder so.

So sehr ich meine Bekannte verstehe.
Die ihre Wut über das Urteil äußerte.
Meine eigene Nichte wurde doch missbraucht.
Und ich könnte den Täter heute noch töten.
Für das, was er getan hat.
Und für das er frei ging.
Was das heutige Urteil betrifft steht für mich fest:
Jackson ist wohl schon genug gestraft.
Mit seiner Existenz.
Mit seinem Leben.
Und dem jämmerlichen Schatten von früher, den er darstellt.
Krank.
Seelisch am Boden.

Ist das überhaupt noch ein Leben?

Vivienne/Lilly

 

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