Home Prosa Aus dem Hinterhof der Seele
10.05.2005, © Vivienne
Mir gehts doch so gut!
Sarah ging aus dem Haus.
Sperrte die Wohnung ab.
Lief die Stiegen hinunter.
Aus dem dritten Stockwerk.
Stiegen steigen ist gesund!
Dabei war ihr schlecht.
Furchtbar schlecht.
Beinahe hätte sie sich übergeben.
Als die den Wohnblock verließ.
Sie holte ihr Fahrrad.
Und trat energisch in die Pedale.
Sie wusste nicht, woher sie die Energie hatte.
Aber sie musste in die Arbeit.
Eben!
An einer Kreuzung hielt sie.
Übler Geruch von Auspuffgasen.
Wieder spürte sie die Übelkeit.
Diesmal ganz extrem.
Sie sah nur mehr verschwommen.
Die Ampel schaltete auf grün.
Die Automotoren dröhnten.
Sarah konnte plötzlich nichts mehr erkennen.
Alles dunkel
Sarah kam später wieder zu sich.
Ihr Kopf schmerzte.
Die linke Hand tastet einen Verband.
Die linke
Denn die rechte war geschient.
Sie konnte sie kaum bewegen.
Und sie lag in einem Krankenzimmer.
Eine Flasche hing an ihrem Arm.
Drei Frauen im Zimmer.
Ein junges Mädchen gleich neben ihr.
Dann noch eine Frau in ihrem Alter.
Und eine nicht mehr ganz junge Frau.
Die viele Blumen am Bett stehen hatte.
Richtig.
Vorgestern war ja Muttertag gewesen
Sarah zuckte zusammen.
Sie musste gestürzt sein.
Mein Gott – die Firma!
Fahrig klingelte sie nach der Krankenschwester.
Die sie beruhigte.
Sanft auf sie einredete.
Sie sank auf das Kissen zurück.
Warum war sie gestürzt?
Besuchszeit.
Einige Leute kamen ins Zimmer.
Mit einem Mal war Sarah allein.
Waren wohl alle im Buffet weiter vorne.
Oder einfach spazieren am Gang.
Eine Kollegin hatte angerufen.
Ma, wie gehts dir?
Hast noch Schmerzen?
Du fehlst uns!
Wie lange musst du noch bleiben?
Sarah wusste es nicht.
Und es war ihr merkwürdig egal.
Man vermisste sie.
Auch ihr Bruder rief an.
Ihre Freundin Beate.
Ja.
Ein paar Leute.
Manche kündigten sogar ihren Besuch an.
Fein.
Und trotzdem spürte Sarah die Leere in sich.
Eine Leere, die sie seit längerer Zeit ausfüllte.
Seit Monaten wohl.
Sie wusste es nicht mehr
Was war los mit ihr?
Hatte es mit Siegi zu tun?
Dass sie sich getrennt hatten?
Die ruhige Wohnung, in die sie jeden Tag kam.
Ohne Musik.
Das Radio lief schon lange nicht mehr.
Das TV-Gerät verstaubte.
Sie kam immer heim von der Arbeit.
Setzte sich hin.
Wartete.
Starrte aus dem Fenster.
Oder einfach an die Wand.
Sie hatte einmal versucht ein Buch zu lesen.
Nach zwei Seiten hatte sie es wieder zur Seite gelegt.
Nein.
Siegi war nicht der Grund für ihre Leere.
Oder dass er gegangen war.
Irgendwie war er ihr schon lange egal gewesen.
Sehr lange.
Außerdem lebte die Kollegin Ofner auch getrennt.
Und der ging es gut.
Sie lachte sogar viel öfter als früher.
Manchmal nervte sie, Sarah, das.
Sarahs Kopf schmerzte stärker.
Lautes Gepiepe.
Wieder eine SMS von einem Kollegen.
Schau, dass du wieder auf die Beine kommst!
Sie vermissten sie alle.
Aber vermisste sie irgendjemanden?
So ein gutes Betriebsklima!
So eine sympathische Chefin.
Und so menschlich.
Vielleicht zu menschlich.
Sarah hörte ihre Stimme.
Gehts Ihnen gut, Frau Karrer?
Sie sind ein bissl blass die letzte Zeit
Alle machten sich Gedanken über sie.
Betont aufmerksam.
Fast liebevoll.
Und sie wusste nicht, was ihr fehlte.
Warum diese Übelkeit in ihr aufstieg.
Oder sie das Gefühl hatte.
Es würde sie zerreißen.
Innerlich.
Sie fühlte sich gefangen.
Und wusste nicht, wo.
Wie oder was.
Sarahs Blick fixierte sich an der Decke.
An einem imaginären Punkt.
Es machte keinen Unterschied.
Ob sie hier lag.
Oder daheim vor sich hin starrte.
Es hatte alles keinen Sinn.
Und sie wusste nicht warum.
Sarah schloss die Augen.
Tausende Gedanken gingen ihr durch den Kopf.
Und sie schluckte sie wieder hinunter.
Nein.
Nicht denken.
Nicht zugeben, dass
Sie so einsam war.
Sie sich so verloren fühlte.
Mitten unter Leuten.
Und im Gespräch mit anderen.
Als schirme sie eine Mauer ab.
Kein Gefühl dran zu ihr.
Es hatte nichts mit Siegi zu tun.
Er war schon lange nicht mehr lieb zu ihr gewesen.
Ihr Leben an sich war lieblos.
Und deshalb wollte sie nicht mehr leben
Hundert Mal gedacht.
Hundert Mal verworfen.
Heute fast verunglückt.
Und es war ihr so egal!
Die Tür ging auf.
Ihre Zimmerkolleginnen kamen wieder herein.
Redeten laut.
Lachten.
Legten sich in ihre Betten.
Sarah schloss wieder die Augen.
Einfach weg sein.
Nicht mehr existieren
Nichts mehr wissen.
Nichts mehr denken.
Wäre das nicht wundervoll?
Der Gedanke ließ sich nicht wegschieben.
Stand da.
Unverrückbar.
Und Sarah starrte auf das riesige Fenster
.
Vivienne
Redakteure stellen sich vor: Vivienne
Alle Beiträge von Vivienne