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 Home Prosa Aus dem Hinterhof der Seele

31.03.2005, © Vivienne

War das mein Leben?

Heike ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen.
Bedächtig ging sie die Siedlungsstraße entlang.
Geranien und Pelargonien.
Gartenzwerge.
Und ein grüßender Nachbar.
Er setzte offenbar ein Bäumchen.
Es nieselte leicht.
Heike spürte die Tropfen kaum.
Sie dachte an Erwin.
Erwin, der wohl noch immer auf der Couch lag.
Und schlief.
Während das Fernsehgerät lief…

Sie lächelte bitter.
So war Erwin nun mal.
In den letzten Jahren war er echt faul geworden.
Zu nichts mehr zu bewegen.
Nur selten Lust essen zu gehen.
Ab und an ins Kino.
Und kaum mehr Sex…
Heike machte einen energischen Schritt nach vor.
Der große Liebhaber war Erwin ohnedies nie gewesen.
Nein.
Aber sehr zärtlich und einfühlsam.
Dafür hatte sie ihn geliebt.
Lange Jahre.
Aber ihre Gefühle waren nach und nach eingeschlafen.
Mit dem Wachsen seines Bierbauches.
Mit seiner Trägheit.
Und seinem fehlenden Verlangen nach Sex.

Der Nieselregen ließ nach.
Kaum zu glauben.
Ein halbes Jahr war es schon wieder her.
Dass Erwin sie etwas lustlos geliebt hatte.
Und seither war nichts mehr passiert.
Nicht zu fassen!
Ein wandelnder Schlafsack.
Tränen in Heikes Augen.
Sie war 38 Jahre alt.
Nicht einmal.
Und sah einem Leben ohne Leidenschaft entgegen.
Sie war doch noch nicht alt!
Verdammt!
Das konnte doch nicht alles gewesen sein!
Nein!

Heike blieb unvermittelt stehen.
Die Welt war so ungerecht.
Ihre Freundin Anita hatte ganz andere Sorgen.
Ihr Mann konnte nicht genug bekommen.
Fast jeden Tag hatte er Lust sie zu lieben.
Anita war es oft zuviel.
Ich mache nur mehr die Augen zu.
Und stöhne ein paar Mal.
Damit eine Ruhe ist.
Armin wär’ beleidigt, wenn ich nicht komme…
Ihr, Heike, wäre das nicht so leicht zu viel gewesen.
Während Anita wohl einen Mann wie Erwin loben würde.
In den höchsten Tönen.
Ja.
Jeder Mensch war anders.
Alle Menschen brauchen Sex.
Aber bei manchen ist das Bedürfnis wohl nur marginal…

Heike seufzte leise.
Sie war eine leidenschaftliche Frau.
Und noch jung.
Sie hatte noch so viel vor sich.
Aber Erwin erstickte alles.
Sie wollte leben.
Neues ausprobieren.
Sich amüsieren.
Aber Erwin liebte Beschaulichkeit.
Oder besser gesagt: Fadesse.
Eintönigkeit.
Heike erinnerte sich.
Kurz nach Weihnachten war sie in München gewesen.
Mit einer Freundin.
Hatte sich ein Konzert angesehen.
Und da war in der Bar dieser Typ.
Guido nannte er sich.
Ein gut aussehender Mann.
Sehr sympathisch.
Mit ihm hatte sie ihren ersten One-Nite-Stand erlebt.
Ohne Aussicht auf Zukunft.
Sie hatte ihn auch nie wieder gesehen.
Aber die eine Stunde hatte ihr gezeigt.
Welche tiefen Gefühle in ihr tobten.
Endlich hatte sie wieder jemand begehrt.
Und dass sie diesen Vulkan nicht für immer verschließen wollte…

Leichter Wind kam auf.
Heike drehte um.
Ging die Straße wieder zurück.
Langsam.
Erwin würde ihre Abwesenheit wohl nicht einmal bemerkt haben.
Sie knöpfte die Jacke zu.
Musterte die biederen Familienhäuser entlang der Straße.
Gartenzwergmentalität.
Furchtbar.
Eine Amsel sang.
Frühling.
Mai.
Warme Gefühle.
Aber hier herrschte das ganze Jahr dieselbe Jahreszeit…
 

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