Das Antlitz Gottes?

„Eines Tages werdet Ihr das Antlitz Gottes erblicken und erschreckt sein, da Ihr Euch in Ihm selber erkennen werdet!“

So, oder so ähnlich, war der wohl meist gebrauchte Anwurf unseres Diakons, wobei stets klar war, wie dieses Antlitz dann wohl auszusehen hatte.
Dieser religiöse Mensch zog dabei stets eine wohl Furcht erregen sollende Grimasse.
Spätestens da, so in der Rücksicht betrachtet, war für mich der gütige Gott für alle Zeiten erledigt.

Dieser gütige Gott, der von meiner im guten Sinne wohl sehr religiösen Großmutter, einer Ostallgäuer Bäuerin, uns Kindern immer als überaus gütiger, weiser alter Herr mit wallendem Bart und überaus freundlichen Augen in einem verschmitzten Gesicht, dargestellt wurde.

Ich gebe zu, seinerzeit Stunden vor dem Spiegel nur damit verbracht zu haben, um in irgendeiner Weise dem von Oma Versprochenen und weniger dem vom Diakon Gezeichneten zu ähneln.
Ich hatte mir, in meiner noch kindlichen Einfalt, einfach eingebildet, meinem Gesicht, wenn ich nur oft genug üben würde, so etwas wie Güte und Freundlichkeit geben zu können, nur um, wenn es dann einst soweit wäre, nicht allzu sehr erschrecken zu müssen.

Das Antlitz Gottes. Was genau verbirgt sich dahinter? Dass ein Gesicht wohl nur eine Fassade darstellt, ist nicht nur umgangssprachlich so zu sehen. In der modernen Welt und möglicherweise sogar in all den zuvor verflossenen, gilt es als überaus vorteilhaft, nicht durch irgendeine Art von Mimik, sein ganz eigenes Seelenleben vor Allen auszubreiten.
Denn, der Mensch kann in Gesichtern lesen.
Manche behaupten sogar, wie in aufgeschlagenen Büchern.

Und doch muss es mit Gottes Gesicht so etwas ganz anderes auf sich haben. Vor Gottes Antlitz zu stehen, hat etwas Endgültiges. Dieser Augenblick wird uns schon seit den Anfängen der Christenheit und schon zuvor im ganz alten Judentum, als der Höhepunkt unseres Seins und darüber hinaus, als eine Situation der alleräußersten Gerichtsbarkeit geschildert.

Nun gut, da dieses Gericht bisher nur in fantasievollen Umschreibungen und nicht etwa auf ernstzunehmenden Augen- und Ohrenzeugenberichten fußt, ist die Ehrfurcht in glauben Wollenden nicht unbedingt geringer.

Gesicht? Das Turiner Grabtuch, von dem nicht wenige Zeitgenossen behaupten, es zeige Jesus nach der Kreuzigung, bezieht seine Wirkung nicht zuletzt aus der Abbildung eines männlichen Gesichtes. Fehlte diese Abbildung komplett, würden sich nicht ganze Heerscharen von Wissenschaftlern und selbsternannte Wissende, über dessen Authentizität streiten. Die Katholische Kirche wäre um ein wirksames Zeichen der Allmacht Gottes ärmer.

Woran macht sich Religion eigentlich fest? An einer Identität, einem Personalem? An einer Person, die zunächst die Weichen gestellt und schließlich die Verantwortung für den Zugbetrieb, ans Bodenpersonal abgegeben hat?

Religo, das die Person Rückanbindende? Eine Vereinheitlichung eines Glaubensbildes? Das Personenbild eines Volksglaubens?

Wodurch und woran machen wir es für uns unverrückbar, dass wir den rechten Glauben haben, wenn nicht an der Person Gottes? Einem Gott, der ein Antlitz zu haben hat. Sei es eine Fratze, wie die eines Teufels, oder ein gütiges, verschmitztes Gesicht eines behäbigen Senioren.

Im Altertum gab es diesen vereinheitlichten Gott in Persona noch gar nicht. Hier war eher das Mystische, das Unerklärliche und dem Menschen fern Stehende, der Inhalt von Frömmigkeit.
Noch Augustinus fiel es schwer, an eine Persönlichkeit Gottes in unserem Sinne zu glauben. Bei dem Kirchenvater galt lediglich das Wort. ..Du sollst…! Du sollst nicht…!

Auch so sah es wohl Moses auf dem Berge, beim Empfang der Zehn Gebote. Die ja zwangsläufig auch Verbote sein müssen. Lediglich Worte und eben kein Antlitz Gottes.

Hinweise in der Geschichte für das Antlitz des Wesen Gottes, finden sich weder in der Philosophie, der Sprache, der Kunst noch in gesellschaftlicher Organisation.

Erst in der Reformationsgeschichte bildete sich so etwas, wie Persona heraus. Hier plötzlich stellt das Individuum des Menschen, sein Gesicht, die Einmaligkeit der Schöpfung Gottes, das Gesehene (die eigentliche Bedeutung des Wortes) und natürlich das, was hinter dem Gesicht steckt, den Mittelpunkt eines Wesen Gottes dar.

Hier erst wird das Bibelzitat „und er schuf den Menschen nach seinem Abbild“ zur wirklichen Gewissheit verklärt.
Hier erst bekommt Gott ein Angesicht.

Hier erst wird auch klar, dass das Angesicht nur der Schirm vor etwas anderem, personalem ist, das sich zunächst noch verbirgt und erst noch sichtbar gemacht werden muss.

Die Annahme eines Gottes ist wohl nicht von Ungefähr, mit einer personalen Substanz verbunden und nicht nur rein transzendent-metaphysisch zu sehen. Jedenfalls, nachdem es dem Menschen möglich wurde, dem Einzelnen erst eine eigene Persönlichkeit zuzusprechen.
Die Person des Kaisers war nur die zeitweise Finität der gesellschaftlichen Bedeutung des Kaisertums. Mit dem Tod des Regenten, starb das Kaisertum eben nicht zwangsläufig auch. Der Besitz des Regenten war eher der Besitz des Throns. Nicht der Person galt die Verehrung, nur dem Träger des Titels.
In der Renaissance wurde der Zölibat nur vom Geistlichen im Titel und nicht von dem ihn tragenden Geistlichen in Persona des Bischofs und Kardinal, noch nicht einmal vom die Papswürde tragenden Mensch erwartet.
Verheiratete Päpste waren darum nur als Menschen verheiratet. Die Person des Menschen war strikt von der Person des Papstes getrennt. Außer Diensten sozusagen.

Der Mensch der Antike bezog sein Gottesabbild über lange Zeiträume dagegen, lieber aus Umweltbeobachtungen und Geschehnissen, die ihm zunächst unerklärlich erschienen und für deren Existenz nur unpersonelle Götter verantwortlich sein konnten.

Hier nun treffen die beiden mit sich widerstreitenden großen Theorien der Philosophen und der Theologen aufeinander. Die, der einerseits beobachtenden Analyse der Ordnungen und somit des Beweisbaren und andererseits, die der deutenden Synthese aus Vorstellungen und das, des Glaubbaren.

Die ältere der beiden Vorstellungen ist die Synthese, die, die Erscheinungen und Wahrnehmungen und das daraus resultierende Verschiedene, in Beziehung bringt und somit rein glaubensbezogen argumentiert, argumentieren kann.

Die jüngere Strömung, die Analyse, dient sich der Wissensvermittlung an und trennt streng nach Erkanntem und Vermutetem.
Stellt Synthese die Basis für ein Zusammenspiel von Geist, Seele und Gemüt dar, gilt seit Alters her, die Analyse als Werkzeug des Intellektes.
Hieraus entspringt der Gedanke des Philosophischen.
Eine Idee eines Systems, um das sich der Mensch, kraft seines Geistes zu bemühen hat.

Wenn Gott ein Antlitz hat, muss sich auch ein Leuchtendes dahinter verbergen können.
Hiermit steht man am Anfang einer analytischen Beweiskette, die allerdings niemals zu einer wie auch immer gearteten Allgemeinheit führen kann.

Somit taugt ein solches Bild eben nicht zu einer analytischen Grundbetrachtung, weil erst wenn das Leuchtende sichtbar wird, das sich hinter dem Antlitz Verbergende also, das wahre Wesen Gottes sichtbar wird.

Das Antlitz Gottes kann also getrost in die Welt synthesehafter Gläubigkeit verbannt werden.
Was übrig bleibt, ist das Wort.

Und weil es, nach Auskunft unseres Vikars, eben nicht dereinst darum gehen wird, durch das Wort gerichtet zu werden, kann ich beruhigt sein.
Denn am Jüngsten Tag brauche ich nicht erschreckt in meine eigene, furchterfüllte Fratze zu blicken, nur um mich dereinst selber erkennen zu müssen.

A.S. chefschlumpf 13. November 09

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