Der Ehrlichkeitstest – Die bunte Welt von Vivienne

Erni aus dem ersten Stock war eine der nettesten Nachbarn bei uns im Haus. Sie hatte seit ihrer Jugend als Altenpflegerin gearbeitet und war nun schon ein paar Jahre in Pension. Silvester hatten wir auf ihre Katzen aufgepasst, weil sie zu ihrem Bruder nach Kremsmünster gefahren war um mit ihm und der Familie den Jahreswechsel zu begehen. Die drei schnurrigen Kater, wohlbeleibt und durchaus von der pflegeleichten Sorte, wurden von uns im Laufe des Silvesterabends und des folgenden Tages regelmäßig besucht und gefüttert. Auch das Kisterl wurde gesäubert und den drei Stubentigern mangelte es wirklich an nichts…

Als Erni am späten Nachmittag des Neujahrstages wieder heimkehrte, hatte sie uns einen hübschen Glücksklee im Topf mitgebracht, in den ein Rauchfangkehrer gesteckt worden war. Wir luden daraufhin Erni auf einen Kaffee und ein paar selbstgemachte Kekse (Alis Mutter hatte sie während der Weihnachtsfeiertage gebracht) ein und Erni plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen, was ihre Arbeit betraf. Sie hatte vierzig Jahre vor allem in geistlichen Altersheimen gearbeitet und hatte überall von den üblichen Pflegearbeiten bis hin zum profanen „Putzen“ fast alle Dienste verrichten müssen. Manche geistliche Vorgesetze hatte sie als strenge Chefin oder auch als bösartigen Drachen in Erinnerung behalten…

„Ja…“, schloss Erni eine Anekdote ab. „Einen Vorgesetzen kann man sich nicht aussuchen, der kann einem das Leben schon ganz schön schwer machen. Vor allem zu meiner Zeit, da wir ja vorort schliefen und jederzeit verfügbar sein mussten. Aber wenn es mir zu viel wurde, bin ich gegangen und suchte mir etwas Neues. Ich bin ja kein Esel, der sich alles gefallen lassen muss… Im nächsten Altenheim teilte ich dann ein Zimmer mit drei Kolleginnen. Meine Vorgängerin war nicht lange da gewesen, und wenn ich fragte, warum, dann erhielt ich ausweichende Antworten. Allerdings dachte ich letztlich nicht viel darüber nach…“

„Noch ein Kaffee, Erni?“ fragte ich. Erni nickte und als sie in ein Stück Gugelhupf biss, leuchteten ihre Augen. Sie hatte ein hartes und doch entbehrungsreiches Leben mit harter Arbeit hinter sich und konnte es erst im Ruhestand ein wenig genießen. Nach einem Schluck Kaffee fuhr sie fort. „Tja, der Job war schon in Ordnung, aber die eine Kollegin pflegte einen äußerst sorglosen Umgang mit dem Geld. Auf dem Tisch lag mal ein Zwanziger (Schilling wohl gemerkt), dann kullerten wieder etliche Münzen aus der Tasche, die achtlos in der Ecke stand. Einmal lag sogar ein Fünfziger auf dem Fußabstreifer und aus ihrer Jackentasche lugten auch ein paar Scheine hervor.“ Erni räusperte sich. Mir war es ja unbegreiflich, dass man mit Geld so achtlos umgehen konnte – damals hatte das Geld ja noch Wert. Und so viel verdienten wir außerdem auch nicht…“

Erni langte noch einmal nach einem Stück Guglhupf. „Irgendwann habe ich die Kollegin dann angeredet, ob sie sich nicht ein wenig mehr auf das Geld schauen wollte, es könne ja wegkommen…“ Erni grinste breit. „Da hat die Kollegin gelacht und mich umarmt. Dann hat sie mir erzählt, dass meine Vorgängerin gestohlen hatte – bei den Kolleginnen wie bei den Senioren hatte sie sich bedient und wurde schließlich wie in so einem Fall üblich fristlos gekündigt. Um auf Nummer sicher zu gehen hatten die Kolleginnen nach meiner Einstellung beschlossen, mir kleine Fallen zu stellen um mich zu testen. Die eine hatte dauernd scheinbar absichtslos Geld liegen lassen und beobachtet ob ich mir davon etwas nehmen würde.“

Mir war der Mund kurz offen geblieben. „Das ist ja doch ein starkes Stück!“ Erni blieb gelassen. „Das war nicht böse gemeint. Es gibt so viele unehrliche Menschen die sich in einer Gemeinschaft am Eigentum anderer bedienen. Und das ist wirklich eine üble Sache. Immerhin hatte ich den Test mit Bravour bestanden, da ich in einer gewissen naiven Ehrlichkeit nie auf die Idee gekommen wäre, dass da Absicht dahinterstecken könnte. Geschweige denn überhaupt Geld zu nehmen. Nachdem die Sache vom Tisch war, war die Stimmung bei uns viel harmonischer geworden und ich verbrachte eine lange Zeitspanne in diesem Altenheim…“

Erni machte eine Pause. „So ich muss gehen, meine Lieben. Ich will die Tiger nicht mehr warten lassen… Danke nochmals, dass ihr euch um die Katzen gekümmert habt und ein gutes Neues Jahr wünsche ich euch!“ Ich blickte Erni nach und Ali stieß mich an. Er grinste. „Das hat dich zum Nachdenken gebracht, nicht wahr? Eine kuriose Sache, aber damals hatte man auch andere Methoden um mögliche Diebe auszuforschen…“ Er nahm meine Hand. „Komm Vivi, ein paar Kekse hat Erni übrig gelassen. Grüble nicht länger sondern greif zu!“

Vivienne

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