Erste Liebe – Die bunte Welt von Vivienne

Albert schwang sich auf die Couch und griff nach der Fernbedienung. „Also ich bin rechtschaffen müde, Vivi.“ Er grinste schelmisch. „Kommst du zu mir?“ Ich nickte und stellte die Kaffeetasse beiseite. Dann setzte ich mich zu meinem Mann, lehnte mich an ihn, während er den Arm um mich legte und zufrieden grunzte. Vor einer halben Stunde waren wir erst nach Hause gekommen. Melanie, Alis Tochter aus einer früheren Beziehung, hatte den Tag bei uns verbracht und uns am Nachmittag auf einer ausgedehnten Shoppingtour begleitet. Melanie war ein hübsches Mädel geworden, fast vierzehn und im nächsten Jahr würde sie gefirmt werden. Meine Stieftochter hatte mich außerdem heuer gebeten, als ihre Firmpatin zu fungieren, was mich persönlich gefreut hatte. So selbstverständlich war mein gutes Verhältnis zu Melanie nicht. Gab genügend Beispiele im Umfeld, dass sich Kinder mit ihren Stiefeltern-Teilen nicht unbedingt vertrugen…

Ich schloss die Augen. Der heutige Nachmittag lief wie ein Video vor meinem inneren Auge ab. Melanie, die sich neue Schuhe kaufte… Gefühlte fünfzig Paare hatte sie probiert bis sie sich für dieses eine entschieden hatte. Auch eine neue Jeans wählte sie aus, wobei da nicht ganz so viele zur Auswahl gestanden waren. Besonders gut erinnerte ich mich aber an den jungen Burschen, hoch aufgeschossen, mit ein paar Sommersprossen im Gesicht, den wir auf der Linzer Landstraße getroffen hatten. Melanie hatte zu strahlen begonnen, war auf ihn zugelaufen und die zwei hatten geplaudert. Einfach süß hatte das ausgesehen und Ali hatte mich glücklich angelächelt, während wir zwei seine Tochter in Sicherheitsabstand beobachtet hatten. Sie war verliebt, unschwer zu erkennen, und den jungen Mann hatte es gleichfalls erwischt…

Später, bei einem Kaffee, hatte uns Melanie berichtet, dass der Bursch ein Schulkollege war und dass sie miteinander gingen. Ich blickte ihr dabei ins Gesicht und stellte für mich selber fest, dass das Mädchen Ali sehr ähnlich sah in diesem Moment. Die dunklen Locken, das Lächeln und die Nase hatte sie eindeutig von meinem Mann geerbt. Nur die blauen Augen erinnerte an ihre Mutter, Babsi, Alis frühere Freundin… Ali stieß mich an. „Träumst du? Die Nachrichten fangen gleich an.“ Ich öffnete die Augen und wischte ihm eine Locke aus dem Gesicht.“Schon so spät?“ Albert nickte. „Wir waren lange unterwegs. Hat es dir gefallen?“ Ich nickte. „Natürlich hat es mir Spaß gemacht. Man wird wieder jung wenn man mit einem Teenager auf Shoppingtour geht…!“ Albert legte die Fernbedienung weg. „Und was sagst du zu ihrem Freund…? Wie heißt er noch… Alexander?“ Ich setzte mich auf. „Wir haben doch gar nicht mit ihm gesprochen. Aber er sieht nett aus… Und was meinst du?“

Albert strahlte wieder. „Ganz entzückend die beiden.“ Er wurde plötzlich nachdenklich.“ Schlimm ist nur, dass die Zeit vergeht. Überleg dir, als wir zusammengekommen sind, war die Kleine gerade zwei Jahre alt geworden. Und wir zwei sind mittlerweile auch schon acht Jahre verheiratet…“Ich rief mir die Zeremonie, die im engsten Familienkreis stattgefunden hatte, noch einmal in Erinnerung. Damals hatte ich ein blaues Ensemble getragen und das ganze Prozedere war mir so lange vorgekommen… Kaum vorstellbar, nächstes Jahr wurde ich schon fünfzig und ich begann mir einzugestehen, dass ich nicht mehr die Jüngste war. Ali schien das nichts auszumachen. Sein Haarschopf war mittlerweile fast grau, die Jahre waren auch nicht spurlos an ihm vorübergezogen. So passten wir ganz gut zusammen… Albert wurde nicht müde das zu behaupten…

Jetzt war er aber ganz stolzer Vater und nächstes Wochenende würde uns Melanie ihren Alexander vorstellen. Wir hatten Melanie gebeten, ihren Freund einmal zum Kaffee mitzubringen. Da konnte man dann tiefergehende Eindrücke über den Teenager sammeln. Alis Tochter hatte uns erzählt, dass er Gitarre spielte und manchmal mit einer kleinen Band auftrat. Nichts Großartiges, wie Melanie betonte, von der tollen Karriere als Rockmusiker träumte Alexander bestimmt nicht. Das überließ er anderen… Ali und ich schwiegen und hingen unseren Gedanken nach.

Die Signation der „Zeit im Bild“ führte uns wieder in die Realität. „Weißt du…“ Albert wirkte plötzlich sehr verträumt… „…ich habe auch einmal Gitarre gespielt. Allerdings extrem unbegabt. Ich war verliebt in ein Mädchen und wollte es damit beeindrucken…“ Ich musste lächeln. „Du – ein Musiker?“ Ali zuckte die Achseln. „Bestimmt nicht, aber was tut man nicht alles aus Liebe, oder?“ Er schmiegte sich eng an mich, küsste mich und meinte fast philosophisch. „Es war ein Glück, dass ich das Gitarre spielen wieder ließ. Für die Menschheit aber auch für mich selber…! „ Er lachte. „Was ist aus euch geworden?“ wollte ich nun doch wissen. Ali lachte noch lauter. „Sie hat mich ignoriert, völlig. Sie ist gar nicht auf mich aufmerksam geworden!“ Er wurde wieder ernst. „Ich bin froh, dass das Melanie erspart geblieben ist bei ihrer ersten Liebe!“

Vivienne

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