Menschliches

Claire hatte sich die Füße platt gelaufen und in kurzer Zeit eine Menge Geld ausgegeben. Eine Stadt, in der man Tausende hinblättern muss, um studieren zu können, verschiebt die Maßstäbe. Drei Einkaufstüten hingen an ihrem Arm und sie war abgefüttert mit zu viel indischem Curry. In ihrem Geldbeutel hatte sie nur 15 oder 20 Pfund für den Abreisetag gelassen.

Ihre Gastgeberin hatte ihr das Geldausgeben leicht gemacht. Jeden Sightseeing-Trip hatte sie mit einer lokalen Einkaufsmöglichkeit eröffnet. Let’s go to London tomorrow – vornehmlich Harrod’s. Hier in Oxford hatte sie sie zuerst zum Covert Market geführt. Schließlich war es Claire zu viel geworden und sie hatte sich ein paar Stunden für sich allein erbeten.

Die prunkvollen College-Bauten mit den vielen begeistert fotografierenden Touristen kotzten sie bald an. Ein Student machte sie an, aber sie wollte niemanden kennenlernen.

Dann begegnete sie John. Er saß neben einem Geschäft und hatte eine Mütze vor sich, in der einige kleine Münzen lagen. Claire konnte kein Schild entdecken, das darauf hinwies, dass er krank, heimatlos, blind, vergebens Arbeit suchend oder sonst etwas war. Also wahrscheinlich nur von der Welt verlassen, wie die meisten anderen auch.

Eigentlich wollte sie einen Bogen um ihn herum machen, denn sie hatte schon bei einigen Obdachlosen ihr ganzes Kleingeld gelassen. Aber direkt vor ihr latschte ein breiter bayerischer Tourist auf seine Mütze und so fühlte sie sich verpflichtet, sich anständig zu benehmen. Sie drängelte sich an seine Seite und begann ihren Geldbeutel herauszukramen, der zum Schutz vor Taschendieben – don’t trust anyone, dear – tief unten in ihrem Rucksack begraben lag.

Der Mann zu ihren Füßen begann sie zahnlückenverziert anzugrinsen. Er konnte nicht viel älter sein als Claire, höchstens 27 oder 28, wirkte aber wie fast 40. Er hatte schwarze Haare, die aussahen, als habe er mal versucht Punkmusiker zu werden; auf seiner Lederjacke prangte selbstgemalt „Sex Pistols“.

Claire sagte „Hello“, kramte 2 Pfund aus der Börse und reichte sie ihm. Während sie ihren Geldbeutel erneut beerdigte, bedankte er sich mit einem breiten Akzent, der durch die fehlenden Zähne nicht besser wurde, und begann sich mit ihr zu unterhalten, wahrscheinlich als Dank für ihr Geschenk.

John war sein Name. Er sprach nicht davon, wo er herkam, fragte stattdessen Claire aus, fragte nach ihrem Namen und ob sie aus Frankreich komme. Nein, Deutschland. Oh, sagte er, sein Freund sei mal in München gewesen, vor zehn Jahren bei einem Fußballspiel. Ob sie hier Urlaub mache, für wie lange, wie ihr Oxford gefällt.

Er sagte, dass es hier im Sommer für Leute wie ihn ganz in Ordnung wäre. Man könne sich Essen organisieren, viele Touristen, manche mit großem Herzen und andere with a smile like yours. Nur dass die Oxforder Leute wie ihn hier nicht haben wollen, dass er manchmal 10-mal am Tag und 2-mal in der Nacht den Platz räumen muss, weil man sie verjagt. Weil sie das Stadtbild stören, nicht gut aussehen vor all den schönen alten Häusern. Dass es nicht überall in Oxford so aussieht, aber dass man eben nur in den schönen Bezirken Geld auftreiben kann.

Aber manchmal würden ja auch nette Menschen vorbeikommen und Claire fühlte sich elend mit ihren Einkaufstüten und ihrem Magen voll Curry und Reis und Chutney.

Claire lächelte ihn noch einmal an, verabschiedete sich und nahm eine Abkürzung zum ausgemachten Treffpunkt. Durch andere Straßen, schmaler, kleiner, die Häuser nicht ganz so beeindruckend. Aus den Kellerfenstern gähnten die Schläuche von Wäschetrocknern. Es duftete nach Waschmittel und aus den Rinnsteinen heraus auch ein klein wenig nach Pisse.

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