Rache ist süß?

Gerd ging die Rechnungen auf seinem Tisch durch.
Zweite Mahnung.
Dritte Mahnung.
Er lachte boshaft.
Miststück!
Sein Gesicht wurde mit einem Mal hart.
Er würde es Sylvia zeigen.
Er sammelt die Erlagscheine ihn einem großen Umschlag.
Mal sehen, was seine Ex dazu sagen würde.
Seine Ex, die ihn einfach stehen gelassen hatte.
Mit der halb abbezahlten Eigentumswohnung.
Er suchte nach der Telefonnummer.
Das war Paul, Sylvias Bruder.
Er wählte die Nummer.
Grinsend.
Hallo Paul?
Da ist Gerd.
Ich habe da ein paar Rechnungen für Sylvia.
Die müssen dringend bezahlt werden.
Wie wir abgemacht haben.
Ich komme dann vorbei und bring sie dir.
19:00 Uhr?
Passt!
Bis dann!

Gerd rieb sich die Hände.
Ja, Sylvia würde sich ärgern.
Ganz bestimmt.
Das war auch gut so.
Und gewollt.
Er hatte nämlich ganz gezielt auf die Mahnungen gewartet.
Bevor er sich gemeldet hatte.
Damit sie mehr bezahlen musste!
Und er würde damit auch zu ihrem Bruder gehen.
Und nicht zu ihr selber.
Um sie zu ärgern.
Rache ist süß!
Gerd lächelte bitter.
Nachdem was sie sich geleistet hatte!
Gerd presst die Lippen aufeinander.
Wenn er nur daran dachte!
Vor einem guten Jahr war die Welt noch in Ordnung gewesen.
Zumindest für ihn.
Er wollte Sylvia heiraten.
Und gemeinsam wollten sie eine Eigentumswohnung kaufen.
Mit einem Kinderzimmer.
Ja, er hatte sich ein Kind gewunschen.
Ein Kind von Sylvia.
Vielleicht auch ein zweites.
Irgendwie hatte er schon damals gespürt:
Sylvia begann ihm zu entgleiten.
Sechs Jahre waren sie beisammen gewesen.
Und sie war erst zweiundzwanzig.
Klar, dass sie noch nicht an eine Familie dachte.
Aber dafür er.

Gerd zündete sich eine Zigarette an.
Er inhalierte hastig.
Wenn er nur daran dachte!
Sylvia hatte ihn unerwartet um eine Aussprache gebeten.
Er glaubte zu wissen, worum es ging.
Ich bin noch zu jung für ein Kind!
Damit würde er fertig werden.
Die Abwehr im Keim ersticken.
Und das ganze beschleunigen.
Je eher, desto besser.
Wenn das Kind erst einmal da war, hatte er sein Ziel erreicht.
Aber Sylvia verhielt sich seltsam.
Ihre Worte versetzten ihm einen Schock.
Ich möchte noch kein Kind.
Ich möchte keine Familie.
Ich glaube auch nicht, dass wir zusammen gehören.
Wir haben ganz andere Ziele.
Da kannst du sagen, was du willst!
Ich bin noch so jung.
Mit einem Säugling ist mein Leben gelaufen.
Ich bitte dich.
Lass mich gehen!

Gerd war beinahe vom Sessel gefallen.
Das ist doch nicht dein Ernst!
Aber Sylvia ließ kein Nein zu.
Sie war so anders als er sie gekannt hatte.
Und sie war nicht umzustimmen.
Es gibt nichts zu überlegen, Gerd.
Wir haben uns entfremdet.
Ich weiß nur eines.
Jetzt will ich keine Familie.
Und kein Kind.
Vielleicht in fünf Jahren.
Oder zehn Jahren.
Und nicht von dir.
Ich will jetzt noch mein Leben genießen.
Sieh es doch ein.
Das kann nicht gut gehen mit uns zwei!
Gerd erinnert sich, wie er blass geworden war.
Am liebsten hätte er sie angeschrieen.
Ganz laut.
Aber er hatte Sylvia in die Augen geblickt.
Dieser Ausdruck an ihr war ihm neu gewesen.
Also schwieg er.
Er hätte nur gegen eine Wand gepredigt…
Vergeblich.

Gerd dämpfte die Zigarette aus.
Sylvia war gegangen.
Und hatte da mal einen Freund.
Und dort.
Sie tobte sich aus, wie man so sagt.
Den Hausstand hatten sie getrennt.
Sylvia hatte das Auto von ihm übernommen.
Und damit die Raten.
Und außerdem das Schlafzimmer.
Für ihre neue Wohnung.
Und manches andere.
Das noch nicht abbezahlt war.
Sie verhielt sich korrekt.
Trotzdem konnte er ihr nicht verzeihen.
Deswegen hatte er auch die fälligen Raten unterschlagen.
Um sich zu rächen.
Es machte ihn nach wie vor hilflos.
Dass sie ihn verlassen hatte.
Und er nichts dagegen machen hatte können.
Nicht das Geringste.
Obwohl sie doch zu ihm gehört hatte.
Gerd blickte auf die Uhr.
Er sollte jetzt zu Paul fahren.
Und seinen Trumpf ausspielen.
Die Erlagscheine abliefern.
Gern hätte er Sylvias Gesicht gesehen.
Wenn sie den Umschlag öffnete…

Gerd saß in einem Bierlokal.
Erst vor einer Woche war er bei Sylvias Bruder gewesen.
Und wartete seither auf einen Anruf.
Von ihr.
Wütendes Schreien.
Lautes Aufbegehren.
Vorwürfe.
Nichts davon war passiert.
Das hatte ihn erstaunt.
Sylvia konnte ganz schön temperamentvoll sein.
Er starrte durch das Lokal.
Fasste eine Figur näher ins Auge.
Merkwürdig.
Im Halbdunkel würde er sagen:
Das war doch Sylvia!
Er stieg von seinem Hocker.
Kam ein paar Schritte näher.
Er hatte sich nicht geirrt.
Sylvia saß mit ein paar Leuten an einem Tisch.
Lachte und schäkerte.
Gerd wurde neugierig.
Er trat näher.
Sylvias Blick traf ihn unerwartet.
Er tat ihm fast weh.
Im ersten Moment wollte er auf sie zugehen.
Sie begrüßen.
Wie sonst auch.
Wenn sie sich über den Weg liefen.
Aber Sylvias verächtlicher Blick verwirrte ihn.
Sie sah ihn lange an.
Aber sie sagte kein Wort.
Ihre Augen waren beredter.
Verpiss dich!
Die Botschaft war unmissverständlich.
Sylvia wandte sich ab.
Begann mit einem Typen neben ihr zu reden.
Ihre Augen strahlten wieder.
Gerd wandte sich ab.
So hatte er sich das nicht vorgestellt.
Er wollte sie nur ärgern.
Und hatte er nicht das Recht dazu gehabt?
Nach ihrer Entscheidung?
Aber Sylvia hatte die Tür zugeworfen.
Endgültig…

Vivienne

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