Sterben müssen – sterben dürfen…

Der Fall einer italienischen Komapatientin, die nach 17 Jahren im Koma endlich „sterben durfte“, hat seit einigen Wochen immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Während der Vater der Frau seit Jahren große Anstrengungen unternahm, den „klinischen“ Tod seiner Tochter, die nach einem Autounfall im Wachkoma lag, durchzusetzen, gab es immer wieder Gegenströmungen: vor allem von klerikaler Seite, und mit Bestrebungen, den gezielten Tod der Frau, für deren Genesung oder Erwachen aus diesem Zustand von Anfang an keine günstigen Prognosen mehr gestellt werden konnten, zu verhindern. Ministerpräsident Berlusconi selber war noch kurz vor dem Ableben der Frau rege bemüht, deren Sterben zu unterbinden…

Vorab, sterben müssen wir alle einmal, der eine früher, der andere später. Wenige Menschen begreifen eigentlich, dass der Tod nichts Furchtbares ist, sondern eine große Gnade darstellt. Sich vorzustellen wie es wäre wenn man ewig leben würde (einmal abgesehen vom Platzproblem auf dem Planeten), wäre ganz sicher nicht wundervoll: zu altern, geistig wie körperlich, zu degenerieren, krank zu werden, gepflegt werden zu müssen, nicht mehr Herr über seine Körperfunktionen zu sein – das hat etwas Alptraumhaftes an sich. Man halte sich nur einmal vor Augen, ein „ewiger Alzheimer-Patient“ zu sein – für sich und die Angehörigen! Der Tod kann also durchaus als Geschenk betrachtet werden, vor allem nach einem erfüllten Leben und der Gewissheit einiges geschafft zu haben in seinem Dasein, sei es im Großen wie im Kleinen. Wie aber, wenn man nun nicht sterben „darf“: bei schwerer, schmerzhafter Krankheit etwa wie einem unheilbaren Tumor, verbunden mit langem Siechtum?

Schon oft wurde diskutiert, warum man in so einem Fall nicht lebenserhaltende Systeme einfach abschaltet oder jede weitere Behandlung verweigert, die keine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt sondern nur den Schmerzzustand verlängert. Die Situation hat sich in den letzten Jahren durchaus verbessert, man hat mit guter Medikation durchaus die Möglichkeit Schmerzen zu reduzieren, aber oft müssen sich Patienten und Angehörige auf die Füße stellen um diese auch zu erhalten (wie ich von betroffener Seite schon erfahren habe): vertrat doch mancher Arzt lange die fragwürdige These, dass ein schmerzvoller Abschied von dieser Welt dann die Buße im Jenseits verkürzen würde (!!!). Abgesehen davon, dass ich mich als moderner, aufgeklärter Mensch gegen ein solches Jenseitsdenken strikt verwehre: das ist Zynismus pur und der Wunsch nach künstlich herbeigeführtem Tod ist in manchen Fällen durchaus nachvollziehbar: wenn er im Vollbesitz der geistigen Kräfte geäußert wird und Folge einer unheilbaren wie mit großen Schmerzen verbundenen Krankheit ist. Natürlich sollte es nur im äußersten Fall so weit kommen, andererseits: warum einen Menschen lange und sinnlos leiden lassen, der ohnedies sterben wird, weil ihn kein Arzt mehr heilen kann? Gerade in diesen Fällen ist der Tod mehr als nur Erlösung, er ist eine große Gnade…

Wie aber sollte im Fall eines Komapatienten wie jener Italienerin zu entscheiden sein? Im Grunde ist es unmöglich zu wissen, ob die Frau in diesem Zustand gelitten hat beziehungsweise ob sie von ihrem Wachkoma überhaupt etwas mitbekommen hat. Eines dürfte aber nach siebzehn Jahren feststehen: an ihrer Verfassung hätte sich wohl nichts mehr entscheidend verändert. Was sich aber auch nicht verändert hätte, wäre das Leid der Anverwandten der Frau. Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich wohl einigermaßen vergegenwärtigen, wie furchtbar es ist, wenn man einen Menschen verloren hat, der zwar genau genommen noch lebt, aber an Maschinen hängt und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie mehr aus dem Krankenbett herauskommen wird… Während die Italienerin fast zwanzig Jahre künstlich am Leben erhalten wurde, haben sich außerdem all ihre Organe und Körperfunktionen vor allem aber auch ihr Gehirn zurückentwickelt. Die emotionale Belastung für die Familie muss unbeschreiblich gewesen sein, dass sie sich letztlich dazu entschlossen hat, für den Tod der Tochter zu kämpfen.

Für einen toten Menschen kann man Trauerarbeit leisten, man kann Abschied von ihm nehmen und natürlich schön langsam zum Alltag zurückkehren und das Geschehene verarbeiten. Im Fall jener Italienerin war das sicher nicht möglich, ganz im Gegenteil. Die Situation, die über eine so lange Zeit wie ein Damoklesschwert über der Familie schwebte, muss manchmal fast unerträglich geworden sein. Und jenen, die im Namen Gottes in so einem Fall von Mord sprechen, möchte ich entgegenhalten: kein liebender Gott will dass jemand in seinem Namen dahinsiecht… Im Übrigen nehme ich gerne die Gelegenheit war um darauf hinweisen, welche Doppelmoral in diesem Zusammenhang in Wirklichkeit hochgehalten wird. Die Schwiegermutter meiner Schwester erlitt vor ziemlich genau zwei Jahren einen schweren Schlaganfall nach dem sie ins Koma fiel und nicht mehr daraus erwachte. Wer nun glaubt, dass die Frau noch immer künstlich am Leben erhalten wird, den muss ich enttäuschen: die lebenserhaltenden Maschinen wurden nach nicht einmal drei Wochen (!!!) abgeschaltet, weil keine Besserung der Situation zu erwarten war… Kein Bischof und kein hoher Politiker haben in diesem Fall dagegen protestiert!

© Vivienne

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