16. Kapitel: Innen

Constanze war allein. Endlich. Die Mutter hatte gedacht, sie schliefe und war mit Stefan in den Garten gegangen. Von weit her hörte sie ab und zu ihre Stimmen. Stefan klang fröhlich. Wahrscheinlich spielte er gerade an seinem neuen Spielgerüst, das Thomas ihm vor ein paar Wochen aufgebaut hatte.

Constanze wollte nicht mehr nach draußen. Die Menschen dort draußen waren nur noch eine Belastung. Belastet fühlte sie sich auch durch die Helligkeit, die vielen Bilder und Geräusche. Der Frühling belästigte sie. Und bald würde es sogar Sommer werden.

Räume waren angenehmer. Wie Matrjoschka-Puppen um sie herum. Äußere Hülle: Das Haus. Dann die Zimmer. Manchmal noch eine Decke. Ihre Kleider. Ihre Haut. Was drinnen war, war verkapselt. In der Kapsel war alles wund, deshalb war es gut, dass die Kapsel fest verschlossen war. Das musste alles ausheilen. Falls es überhaupt ausheilen könnte.

Constanze war oft müde, ihre Glieder waren ihr schwer. Der Arzt hatte gesagt, es sei nicht körperlich bedingt. Auch recht. Müde war sie trotzdem. Wenn sie erst einmal im Laufen war, ging es. Sobald sie aber saß oder lag, war es schwer aufzustehen. Selbst wenn ihr Gehirn den Befehl gab: AUFSTEHEN, schien der manchmal einfach nicht anzukommen. Wie bei einer Querschnittslähmung. Befehl gegeben, Befehl kommt nicht an. Manchmal funktionierte es sogar dann nicht, wenn es sie irgendwo juckte. Dann erduldete sie einfach den Juckreiz statt zu kratzen. Wenn der Befehl AUFSTEHEN nicht ankam, blieb sie oft einfach liegen und vergaß, es erneut zu befehlen. Und die Momente, wenn der Schlaf kam und sie ausgeschaltet wurde, waren die besten. Das Runterfahren war schön.

Wenn niemand da war, musste ihr Gehirn auch keine Befehle geben. Sie mochte es gern, wenn der Fernseher lief. Ein bisschen Hintergrundgeräusche. Nichts, worüber man sich aufregen könnte. So lustige Sachen, wo einfach Leute aufeinander einplapperten. Absurdes Zeug. Oder Teleshopping für Putzutensilien, Hautcremes oder Unterwäsche, die aus dicken Frauen dünne macht. Eigentlich egal. Nur nichts mit Krankenhäusern oder Problemen oder Scheidungen. Keine Seifenopern oder Arztserien eben.

An guten Tagen schlief sie beim Fernsehen schnell ein. Manchmal weckte die überlaute Werbung sie kurz auf, aber sie schlief gleich darauf meist wieder ein. Zweimal Einschlafen zum Preis von einem.

Ihre Mutter würde bestimmt gleich wieder mit Stefan reinkommen. Constanze ließ die Füße vom Sofa auf den Boden rutschen. Das zählte als Sitzen, dann war ihre Mutter zufrieden.

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