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16.05.2005, © Vivienne

Ohne Einsicht

Kopf schüttelnd warf ich die Zeitung auf die Couch. „Das gibt’s doch nicht!“ Albert rasierte sich gerade, aber meinen aus dem Innersten kommenden Aufschrei hatte er doch vernommen. „Was ist los?“ steckte er seinen Kopf durch die Badezimmertür. „Schon wieder ein Mädchenschänder!“ machte ich meinem Ärger Luft. „Und wie immer, der nette Onkel von nebenan. Der auf die Kinder aufpasst, der ihnen Geschenke macht und den alle lieben. Und keiner merkt, dass er nach und nach alle Mädels missbraucht und zu Seelenkrüppeln macht. Geschädigt für’s Leben…“ Nachdenklich trank ich noch eine Tasse Kaffee. Albert kam nach einer Weile aus dem Bad, duftete herbfrisch nach Rasierwasser und griff nach der Zeitung, die ich auf der Couch verstreut hatte.

Minuten las er, dann legte er den Artikel beiseite. Er biss von de Marmeladesemmel ab, die ich ihm vorbereitet hatte, dann meinte er mit leicht gedämpfter Stimme. „Gott sei Dank  hat sich ja das Bewusstsein für solche Triebtäter doch deutlich sensibilisiert. Ich kann mich gut an eine Zeit erinnern, da wurden solche Dinge vertuscht. Man redet nur wenig darüber, und für diese Kerle hatte man oft tiefstes Mitgefühl…“ Ich wurde hellhörig. Das klang ja fast so, als musste Albert an einen konkreten Fall denken. „Ja, das stimmt“, gab ich ihm Recht. „Über solche Dinge wurde gern der Mantel des Stillschweigens gebreitet, das war einfacher als sich mit den bedauernswerten Opfern auseinander zu setzen…“ In diesem Satz ließ ich unausgesprochen eine Frage anklingen.

Albert lächelte mich an, er hatte mich genau verstanden. „Hör zu, Vivi. Es ist weit über zwanzig Jahre her, da gab es einmal einen derartigen Fall in dem Vorort von Linz, in dem ich aufgewachsen bin. Ein fünfzehnjähriges Mädchen war von einem Nachbarn verführt worden…“ Ich zog die Stirne in Falten. „Also wenn ich bedenke, dass so viele minderjährige Mädels in dem Alter heutzutage schon mit Burschen schlafen, die zehn oder noch mehr Jahre älter sind als sie…“ Albert unterbrach mich. „Liebes, in  diesem Fall gab es noch ein wichtiges Detail am Rande. Das Mädchen war zwar körperlich voll entwickelt aber geistig behindert.“ Ich schwieg betroffen. „Geistig behindert? So ein Schuft! Die hatte sicher keine Ahnung wie ihr geschah!“

Albert nickte. „Da gebe ich dir auch Recht, das Mädel hat nichts kapiert, das machte die Sache umso infamer. Mehr als das: der Täter rechtfertigte sich vor Gericht nämlich damit, sie hätte es ihm leicht gemacht.“ Ich stellte die Kaffeetasse wieder hin, aus der ich gerade noch trinken wollte. „Was?“ „Du hast richtig verstanden, Vivi. Er wälzte einen Teil der Schuld ab auf dieses Kind, in dem er indirekt anklingen ließ, sie hätte sich ja nicht einmal gewehrt. Es also quasi mehr oder weniger selber gewollt. Und „voll entwickelt“ war sie auch, wie man damals so sagte, also wäre sein Vergehen gar nicht so gro߅“ Für einen Moment verschlug es mir die Sprache. Nicht zu fassen, wie sich so mancher Mädchenschänder immer wieder zu rechtfertigen versuchte.

Schließlich riss ich mich los von meinen Überlegungen. „Und? Wurde er wenigstens verurteilt?“ Albert nickte. „Er bekam eine teil bedingte Strafe und musste für einige Monate ins Gefängnis. Den Job hat er verloren, er musste sich eine neue Arbeit suchen….“ Albert brach sich ein Stück vom Kipferl ab. “Der Fall hat unsere Vorstadtsiedlung übrigens geteilt. So mancher Familienvater hätte ihn am liebsten hängen sehen und ihm vorher noch bestimmte Körperteile abgeschnitten…“ Ich stellte mir das bildlich vor. „Das ist aber auch keine Lösung, weißt du. Viel wichtiger wäre, dass er begreift, was er dem Mädchen angetan hat!“

„Das hat er sicher nicht!“ widersprach Ali relativ heftig. „Aufgeflogen ist dieser Missbrauch ja nur deswegen, weil man ihn in flagranti dabei erwischt hat, wie er sie entjungfert hat. Da war es aber schon zu spät einzuschreiten.“ Albert starrte an mir vorbei und kramte ihn seinen Erinnerungen. „Und er fand tatsächlich Leute, die sich seiner Verteidigungsversion anschlossen und ihn bedauerten… wegen seines Pechs.“ Ich nahm Alis Hand und blickte ihn liebvoll an. „Und jetzt verrätst du mir noch, welchen persönlichen Bezug du zu dieser Geschichte hast…“ Alberts Blick fing sich in meinen Augen. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. „Du durchschaust mich immer, was?“

Mein Freund seufzte leise. „Das Mädel war meine Cousine, das einzige Kind einer Tante, die selber relativ früh einem Nierenleiden erlegen war. Und die Geschichte ist noch dazu bei uns im Haus passiert, mein Vater selber war es, der den Nachbarn erwischt hat. Nach dem Missbrauch wurde meine Cousine noch ruhiger und introvertierter und man kam nicht mehr wirklich an sie heran. Wenn du mich fragst, sie hat es nie geschafft, die Geschichte zu verarbeiten, wie denn auch mit ihrer Behinderung und der Ahnungslosigkeit, was da mit ihr passiert war? Aber unser Nachbar hat nie hinterfragt, was er ihr angetan hat, sondern im Gegenteil nichts mehr mit uns geredet. Weil meine Familie ihn angezeigt hat…“ Ich begriff. Das Problem mit Triebtätern ist nicht, dass sie man sie aufhängen oder steinigen muss sondern ihnen begreiflich zu machen, wie kaputt sie ihre Opfer machen. Und an diesem Verständnis fehlt es auch heute noch – nicht nur bei den Tätern sondern auch bei so manchem Mitmenschen…

Vivienne

 

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