Liebeskrank – Teil 28

Ich ziehe die Gardine zur Seite.
Draußen regnet es gleichmäßig.
Die Häuser grau in grau.
Es wird langsam dunkel.
Ganz weit vorn fährt die Straßenbahn.
Mir ist wieder schlecht.
Ich kippe das Fenster.
Der Straßenlärm dringt leicht gedämpft nach innen.
Langsam gehe ich in die Küche.
Setze einen Kessel mit Wasser auf.
Ich möchte mir etwas Tee aufbrühen.
Das Pfeifen des Kessels reißt mich aus den Gedanken.
Ich gieße auf.
Das kochende Wasser verfärbt sich gelblich grün.
Ich mag den Duft, der aufsteigt.
Unvermittelt muss ich an Frank denken.
Wo er wohl bleibt?

Als das Handy läutet, zucke ich zusammen.
Aber die Rufnummer ist unterdrückt.
Ich frag mich, ob ich abheben soll…
Meine Neugier siegt.
Hallo?
Ich warte ein paar Momente.
Hallo?
Schließlich eine müde klingende Stimme.
Bist du es?
Welch eine Frage!
Wer ist da?
Wieder Schweigen.
Gerade als ich auflegen will, antwortete die tonlose Stimme.
Gabriel.
Ich seufze auf.
Schon wieder?
Gabriel, was ist los?
Habe ich dir nicht gesagt, dass es keinen Sinn hat?
Gabriel schweigt.
Ich bin etwas ungehalten.
Was um alles in der Welt willst du noch?
Wem willst du etwas vormachen?

Gabriel klingt weiter leise.
Niemandem.
Ich möchte mit dir reden.
Reinen Tisch machen.
Verstehst du?
Einen Moment bin ich überrascht.
Reinen Tisch?
Du?
Seit wann?
Meine Stimme klingt forsch.
Du willst endlich über alles reden?
Kein Trick?
Gabriels Stimme tönt nicht mehr so zaghaft.
Ja.
Richtig.
Ich möchte mit dir ausreden, was zwischen uns falsch gelaufen ist.
Ich spüre leise Skepsis in mir.
Aha.
Woher der Sinneswandel?
Und warum so unvermittelt?
Gabriel holt tief Atem.
Ich glaube, dass ich nicht ganz fair zu dir war.
Und das ist mir in den letzten Monaten auf den Kopf gefallen.
Weißt du, es geht mir nicht gut.
Ich habe dich immer gern gehabt.
Du warst mir sehr wichtig.
Auf gewisse Weise wollte ich dich nie missen.
Nie verlieren.
Obwohl Susanne meine große Liebe war.
Und dann habt ihr mich beide verlassen…

Einen Moment schweige ich.
Das kann ich dir wohl nicht verwehren.
Denn es ist gut für uns beide, wenn wir alles aufarbeiten.
Ich höre Frank, wie er die Wohnung aufsperrt.
Frank kommt.
Ich melde mich bei dir.
Rasch lege ich das Handy beiseite.
Frank strahlt mich an.
Noch immer wirkt es auf mich fast so, als ob die Sonne aufgehen würde.
Frank küsst mich.
Seine Hände sind kalt.
Wie lange bist du daheim, Liebes?
Ich blicke auf die Uhr.
Eine gute Stunde.
Frank legt seine Arme auf meine Schultern?
Sein Blick wirkt unglaublich warm.
Wie geht es euch?
Als er mich umarmt, schließe ich die Augen.
Nur Frank spüren…

Eine halbe Stunde später essen wir.
Ganz profan.
Nudeln mit Sauce.
Und viel grünen Salat.
Frank erzählt von der Arbeit.
Da fällt mir Gabriel ein.
Ich erzähle Frank von seinem Anruf.
Frank reagiert etwas verwirrt.
Ich spüre die Unstimmigkeit.
Du willst ihn treffen?
Ich schwäche ab.
Reinen Tisch machen.
Ausreden.
Frank schweigt.
Dann nimmt er meine Hand.
Und wenn er dich zurückhaben will?
Ich schüttle den Kopf.
Versteh doch, er hat mich nie geliebt.
Nie so wie du mich.
Er hat mich gebraucht.
Während er nur von Susanne geträumt hat.

Ich sehe Frank voller Gefühl an.
Glaubst du wirklich, ich würde dich jetzt noch gegen ihn tauschen?

© Vivienne

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