Home Prosa Aus dem Hinterhof der Seele
27.06.2005, © Vivienne
Ich kann dir nicht vergeben
Gerds Stimme erfüllte den Vorraum.
Schatz, sieh her, was ich mitgebracht habe!
Ist er nicht süß?
Saskia stand auf.
Betont langsam ging sie der Stimme nach.
Gerd strahlte sie an.
Auf dem Boden saß ein kleiner Hund.
Saskia musterte ihn.
Der Welpe hatte wohl viele Väter.
Ein Bastard.
Er wedelte mit dem Schwanz.
Bellte leise.
Blickte sie an.
Mit treuherzigen Augen.
Einen Moment schien es ihr, als greife er an ihr Herz.
Dann riss sie sich wieder los.
Ein Hund?
Was für eine Idee!
Dürfen wir in der Wohnung überhaupt einen Hund halten?
Gerd wehrte ab.
Ist sicher kein Problem.
Eine Familie im Vierten hat auch einen Hund.
Hab ich mir sagen lassen.
Und die Müllers drüben haben eine Katze.
Ich muss sicher nur mit der Hausverwaltung reden
Saskia wandte sich ab.
Gut.
Es ist deine Wohnung.
Ich rede dir nichts drein.
Sie ging zurück ins Wohnzimmer.
Gerds Stimme im Rücken.
Aber findest du ihn nicht auch süß?
Er ist auch nicht zu groß.
Und stubenrein ist er auch schon.
Seine Sprachmelodie war unecht.
Aufgesetzt.
Sie merkte es schon die ganze Zeit.
Er bettelte um ihre Zustimmung.
Das spürte sie.
Aber sie drehte sich nicht um.
Und sie sagte kein Wort.
Obwohl sie den Hund selber putzig fand.
Wenn sie ehrlich war.
Aber sie konnte nicht.
Der Hund unterbrach ihre Gedanken.
Sein helles Bellen schien die Wohnung mit Leben zu erfüllen.
Der Welpe war eigentlich das einzige, das hier lebendig schien.
Saskia holte eine Schüssel aus der Küche.
Füllte sie mit Wasser.
Der Hund begann zu schlabbern.
Er war sehr durstig.
Beständig bewegte sich sein Schweif.
Dann setzte er sich hin.
Und blickte Saskia an.
Seine braunen Augen drückten Freude aus.
Wie sollen wir ihn denn nennen?
Gerds Stimme tauchte unvermittelt neben ihr auf.
Sein Gesicht glänzte.
Er schwitzte.
Gerd war höllisch nervös.
Bring ihn wieder zurück.
Saskia sah ihn nicht einmal an.
Wer soll sich um ihn kümmern?
Ein Hund braucht Auslauf.
Morgens und abends.
Willst du das erledigen?
Ich habe keine Zeit dafür.
Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl.
Zündete sich eine Zigarette an.
Ihre Augen schweiften ziellos durch den Raum.
Ihr Gesicht wirkte maskenhaft starr.
Der junge Hund lief zu ihr.
Schnupperte an ihren Beinen.
Lief im Wohnzimmer herum.
Seine Nase am Boden.
Ab und zu bellte er glücklich.
Saskia dreht sich unvermittelt zu Gerd.
Sie ballte eine Faust.
Bring ihn wieder weg!
Worauf wartest du?
Gerds Gesicht war fahl geworden.
Er lockerte seinen Hemdkragen.
Wie lange noch?
Wie lange willst du mich noch strafen dafür?
Wie lange willst du mich noch wie einen Hampelmann behandeln?
Kannst du nicht endlich einmal einen Schlussstrich ziehen?
Es ist vorbei!
Saskia blickte zu Boden.
Die Fotographie tauchte wieder vor ihrem inneren Auge auf.
Von Gerds Firmenfeier.
Auf dem Bild war er selbst.
Er hatte eine üppige Brünette umfasst.
Halb nackt.
Den Rock hochgezogen.
Unübersehbar, worin die beiden gerade vertieft waren.
Das Foto war in einem Umschlag gewesen.
Neben harmloseren Bildern.
Vergessen in einer Jacke.
Wo ihr der Umschlag in die Hände gefallen war.
Als sie diese in die Reinigung bringen wollte.
Ihr Gerd vögelte eine Kollegin.
Zum Gaudium der ganzen Abteilung
Und ließ sich fotografieren dabei.
Während er sie schon Monate nicht angerührt hatte.
Nach bald fünfzehn gemeinsamen Jahren.
Die Beziehung war schon länger merklich abgekühlt.
Das Foto war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen
Gerds Stimme drang wieder an ihr Ohr.
Er redete noch immer.
Eigentlich schrie er schon.
Wie lange willst du mir das noch vorhalten?
Ich war betrunken.
Ich hatte nie etwas mit ihr.
Weder vorher noch nachher.
Aber du lässt es mich nicht einmal erklären.
Für dich ist es nur furchtbar.
Unaussprechlich.
Was kann ich denn tun
Tun, das du mir vergibst?
Ein Schluchzen beendet den Satz.
Saskia starrte wieder auf den Boden.
Sie fühlte sich so leer.
Sie hatte keine Kraft mehr.
Seither.
Und sie konnte nicht mehr lachen.
Sich nicht mehr freuen.
Das Ganze war zu ungeheuerlich
Wie dachte sich das Gerd?
Sie konnte ihm einfach nicht vergeben!
Wie denn?
Vivienne
Redakteure stellen sich vor: Vivienne
Alle Beiträge von Vivienne