Home Prosa Philosophisches
17.09.2005, © Vivienne
Die Ballade vom jähzornigen jungen Mann
Engel 1717 kämpfte sich durch das Gewühl im Kaufhaus.
Irgendwo hier musste sich der Mensch finden, der sein Auftrag war.
Mit einem Mal hielt er inne.
Vor einem Regal stand ein junger Mann.
Er krümmte sich.
Sein Gesicht war kalkweiß.
Schweiß lief ihm über das Gesicht.
Das war er!
Engel 1717 trat auf ihn zu.
Kann ich Ihnen helfen?
Sie sehen nicht gut aus
Der Mann nickte.
Mein Magen.
Immer dasselbe, wenn ich mich aufgeregt habe
Engel 1717 nahm ihn bei der Hand.
Führte ihn aus dem Geschäft.
Dort vorne war ein Kaffeehaus.
Das wusste er.
Hatte in seinem Akt gestanden.
Bevor er den Auftrag übernommen hatte.
Der junge Mann setzte sich.
Sein Gesicht war noch immer schmerzverzerrt.
Der Engel orderte die Servierkraft.
Die bald zwei Tassen Tee brachte.
Der aromatische Geruch verbreitete sich.
Der junge Mann lächelte.
Danke.
Mir geht es jetzt viel besser.
Und meine Pulver wirken auch.
Ich dachte schon, ich falle um im Geschäft
Engel 1717 nickte.
Haben Sie das öfter?
Der Mann nickte.
Leider.
Wissen Sie
Ich fresse viel zu viel in mich hinein.
Ich lasse mir immer so viel gefallen.
Und irgendwann explodiere ich.
Wenn es mir zu viel wird.
Und seit einem Jahr habe ich immer die Magenschmerzen
Engel 1717 zog die Stirne in Falten.
Ich verstehe.
Die Menschen um Sie verletzen oft ihren Rosengarten.
Ihre innersten Bereiche.
Und wenn es Ihnen zu viel wird, werden Sie heftig.
Der junge Mann seufzte.
Sie haben das richtig erkannt.
Und erst gestern musste ich mich wieder furchtbar ärgern.
Wissen Sie
Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern.
Ich habe mich mit meinem Cousin gestritten.
Ich kann ihn nicht leiden.
Er lässt sich Jahr um Jahr nicht ansehen.
Nicht dass mich das grundsätzlich verletzt
Der junge Mann begann beim Reden leicht zu gestikulieren.
Er ist eben so.
Ich mache mir schon lange keine Sorgen mehr um ihn.
Aber
Er ballte seine rechte Hand zu einer Faust.
Oft steht er dann unerwartet vor der Tür.
Und das Schlimme daran.
Dann will er wieder etwas von mir.
Und gestern rief er mich auch ganz plötzlich an.
Er müsse mich sehen.
Dringend.
Und schon da musste ich mich wieder ärgern.
Engel 1717 wandte sich interessiert an den jungen Mann.
Warum?
Der junge Mann verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
Ich dachte mir, dass er wieder etwas brauchen würde
Geld.
Meine Unterstützung in irgendeinem Schlamassel.
Das Übliche halt.
Ich könnte mich jedes Mal furchtbar ärgern über ihn.
Engel 1717 war ganz Ohr.
Und?
Was haben Sie gemacht?
Schuldbewusst blickte der junge Mann zu Boden.
Ich habe zu streiten mir ihm begonnen.
Ich war es leid, ihm helfen zu müssen.
Und ich sagte ihm:
Ich will ihn nicht sehen.
Ich hätte keine Zeit für ihn.
Und so bin ich sehr heftig geworden.
Wie so oft.
Wenn ich mich nicht mehr überreden lassen will.
Ich bin schon so oft ausgenutzt worden
Engel 1717 schüttelte den Kopf.
Mitfühlend wandte er sich an seinen Gesprächspartner.
Ich verstehe.
Im Grunde sind Sie ein völlig gutmütiger Mensch.
Viel zu gutmütig.
Und Sie haben viel draufgezahlt deswegen.
Deshalb Ihre Abwehrhaltung.
Sie schreien.
Sie werden heftiger als nötig.
Einfach aus Angst wieder benutzt zu werden.
Ich verstehe Sie gut
Der junge Mann begann zu strahlen.
Sie drücken das genau so aus wie es ist.
Sie verstehen mich wirklich.
Wissen Sie
Nachher.
Nach so einem Streit fühle ich mich immer schuldig.
Aber ich weiß nicht, wie ich mich sonst schützen kann.
Mein Cousin ist jetzt sauer.
Angeblich wollte er nur mit mir essen gehen.
Sich ausreden.
Und jetzt ist unser Verhältnis völlig angespannt.
Sehen Sie:
Das ist mein Dilemma.
Was soll ich tun?
Engel 1717 dachte nach.
Ich glaube, dass Sie Angst haben.
Angst davor mit einer Bitte konfrontiert zu werden.
Die Sie nicht annehmen wollen.
Aber das müssen Sie auch nicht.
Niemand kann Sie zu etwas zwingen.
Wenn Sie partout nicht wollen.
Und Sie müssen sich nicht rechtfertigen.
Ihr nein genügt schon.
Sie müssen nicht schreien.
Sie müssen nicht erklären.
Wenn Sie nicht wollen, dann wollen Sie nicht.
Engel 1717 beugte sich zu seinem Gesprächspartner.
Ist Ihr Cousin noch in der Stadt?
Rufen Sie ihn an.
Erklären Sie ihm das einfach.
Vielleicht wird ihm auch bewusst, wie er früher auf Sie gewirkt hat.
Ich weiß nicht, ob Sie sich versöhnen werden
Engel 1717 stand auf.
Aber Sie können es versuchen.
Und fühlen Sie sich nicht schuldig.
Lernen Sie lieber daraus.
Ändern Sie sich.
Werden Sie selbstbewusst.
Freundlich und doch bestimmt.
Vivienne
Redakteure stellen sich vor: Vivienne
Alle Beiträge von Vivienne