Ich starre meinen Bruder an.
Er sitzt bei Tisch.
Und isst einen Schweinsbraten.
Der Duft steigt verführerisch in meine Nase.
Wasser bildet sich in meinem Mund.
Ich muss schlucken.
Mein Bruder sieht auf.
Bist du hungrig?
Möchtest du ein Stück?
Er hält mir die Gabel hin.
Einfach so.
Ich bräuchte nur den Mund zu öffnen.
Und die Augen schließen…
Ich schüttle den Kopf energisch.
Nein.
Nein, danke.
Dabei dröhnt mein Kopf.
Und in meinem Innersten schreit es.
Ja!
Ja!
Bitte!
Fünf Minuten später stehe ich vor der Haustür.
Es ist kalt.
Die Sonne ist von Wolken bedeckt.
Aber hier muss ich nicht dauernd daran denken.
An Essen.
An gebratenes Schweinefleisch.
An leckere Fetträndchen.
Und an eine herrliche Sauce.
Bratensaft.
Mit Obers verfeinert.
Und dazu Semmelknödel…
Ich seufzte laut.
Es ist furchtbar.
Seit Tagen.
Kein Hungerturm könnte schlimmer sein.
Ich träume von leckerem Karrespeck auf Schwarzbrot.
Von Nougatschokolade.
Und von einem Lindt Osterhasen…
Ich sehe ihn förmlich vor mir.
Ganz in goldener Folie.
Und mit einem roten Band um dem Hals.
Daran hängt das Glöckchen…
Das Leben kann so gemein sein…
Bin ich nicht undankbar?
Es hat sich doch gelohnt, sich zu kasteien.
Alle Hosen sind weiter geworden.
Und alle Pullis und Shirts.
Es hat mir ein paar Kilos heruntergerissen.
Wohl auch wegen des Stresses…
Und hungern muss ich nicht.
Bisweilen darf ich mir sogar ein Stück Schokolade gönnen.
Zartbitter.
Mit 70 % Kakaoanteil.
Die hat nicht so viele Kalorien.
Eine Kollegin hat sie mir besorgt.
Eine fürsorgliche Seele…
Ich muss lächeln.
Ab und zu ein Schoko hält die Moral hoch…
Ich gehe wieder hinein.
Mir ist kalt geworden.
Aber ich bin nicht mehr hungrig.
Der Duft von Schweinsbraten hängt noch immer in der Luft.
Aber mein Bruder hat ihn vernichtet.
Fein.
Dann muss ich mich ja nicht zusammenreißen.
Und trotzdem sind da wieder diese Zweifel.
Für wen tu ich das denn?
Ist es nicht ohnehin egal?
Meine Moral ist gerade wieder am Boden.
Ich zweifle an mir selber.
Aber dann mache ich mir wieder bewusst.
Ich tue es für mich.
Für mich ganz allein.
Damit ich mir wieder gefalle.
Ich tue es nicht für einen Mann.
Darum geht es nicht.
Es geht um mich.
Um hübsche Kleidungsstücke.
Eine Jeans vielleicht in Größe 40.
Und um meine Gesundheit.
Um mein Herz.
Um Schlaganfall und Krebs.
Um Zuckerkrankheit.
Um meine Wirbelsäule.
Und um meine Gelenke.
Die Knie und die Knöchel.
Die Männer können mir gestohlen bleiben!
Vivienne/Gedankensplitter