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10.10.2005, © Vivienne

Die Angst vor Spinnen

Ich kann mich erinnern, als ob es erst gestern gewesen wäre. Michael (Name von mir geändert), ein Kollege von mir, war das was man eingestandenes Mannsbild nennt, groß, dunkel, gut aussehend, Mitte zwanzig und dazu privat noch Sänger einer schrägen Band. Ich kannte einige Mädels, die auf ihn abfuhren und konnte das durchaus nachvollziehen. Umso mehr überraschte es mich, als er eines Tages von seinem Schreibtisch aufsprang und unvermittelt schrie: „Tut sie weg, tut sie weg!“ Die Kollegin neben ihm reagierte nicht, sie starrte ihn nur verdutzt an ohne zu begreifen, worum es ging. Ich hingegen konnte jedoch ein kleines, dunkles etwas auf seinem Schreibtisch ausmachen und ging hin. An einem dünnen Faden hatte sich eine winzige Spinne von seinem PC abgeseilt. Behutsam nahm ich das Tier mit einem Papiertaschentuch und warf es aus dem Fenster. Dann nickte ich Michael zu. „Geht schon wieder…“

Spinnen sind eigenartige Wesen, faszinierend und Furcht einflößend zugleich. Meinen früheren Kollegen haben sie in Angst und Schrecken versetzt, obwohl er doch den Nimbus eines jungen, starken Mannes verbreitete. Der er zweifellos auch war – wenn es nicht um Spinnen ging. Auch meine Schwester weckte mich in unserer Kindheit oft nächtens auf, weil es darum ging, ein furchtbares Scheusal von einer Spinne zu vertreiben, das ihr Angst machte. Dabei mag ich diese Tiere selber nicht, aber zumindest langt mein Mut dazu, die Tiere zu vertreiben und ich breche ihretwegen nicht in Panik aus. Spinnen eilt ein unheilsamer Ruf voraus, sie gelten als böse und als sehr gefährlich, obwohl sie das in den wenigsten Fällen wirklich sind. Die berüchtigten Vogelspinnen etwa mit ihren langen Haaren, sehen zwar ekelhaft wie Angst einflößend aus, ihr Stich ist aber nur unangenehm und schmerzhaft, aber keinesfalls tödlich.

Ich gebe zu, dass ich auch keine gute Meinung von Spinnen hatte. Erst durch einen Zeichentrickfilm von Walt Disney, den ich vor etlichen Jahren einmal im Fernsehen gesehen habe, begann ich umzudenken. Eine wunderschöne, alte Spinne rettet ein Schwein durch ihr wunderbares Netz vor dem Weg zum Schlächter. Der Versuch einer Imagekorrektur, die in dem animierten Streifen perfekt umgesetzt wurde. Am Schluss hatten wir alle feuchte Augen, weil die Spinne starb… Im wahren Leben nicht die Norm, aber zumindest öffnete mir der Film ein wenig die Augen für die Schönheit mancher dieser Tiere. Haben Sie noch nie eine schöne Spinne gesehen? Ich schon: sie hatte ihr Netz in unserem Garten zwischen den langen Blättern von Schwertlilien gesponnen. Sehr groß war sie für unsere Verhältnisse, ich glaube vier Zentimeter fast, dunkelbraun und weiß gestreift. Ich war mir ziemlich sicher, dass das Tier eine „Zugereiste“ war, also auf Umwegen ins Mühlviertel gelangt war…

Leider konnte ich das Tierchen nicht lange bewundern. Als ich sie meinem Neffen kurz darauf zeigen wollte, war das Netz leer. Unabhängig von seiner Schönheit war es wohl von einem natürlichen Feind verspeist worden… Ist Angst vor Spinnen etwas Lächerliches? Ich glaube nicht. Im Grunde denke ich sogar, dass sie in den Genen liegt. Frühkindliche Erfahrungen tun wohl ihr Übriges. Und dass ich meinem Kollegen Michael vor einigen Jahren gewissermaßen das Leben gerettet habe, sehe ich auch nicht als große Ruhmestat an. Mit meinem Mut wäre es schnell vorbei, wenn es darum ginge eine Vogelspinne nur über meinen Handrücken klettern zu lassen…

Manche hassen und fürchten Spinnen also zugleich, andere halten sie wiederum als Haustiere. Aus Faszination… Auch von dieser Spezies lief mir einmal eine junge Frau über den Weg. Ihre Begeisterung über die Spinne in dem kleinen Behälter, den sie mir zeigte, konnte ich nicht teilen, ganz im Gegenteil. Ich gewann den Eindruck, dass Leute, die sich so ein Tier daheim halten zumindest über einen mehr als nur eigenartigen Charakter verfügen müssen. Spinnen können nicht schnurren oder schmusen wie Katzen, sind nicht anhänglich und treu ergeben wie Hunde oder erfreuen auch nicht ihren Besitzer wie singende Kanarienvögel oder bunte Papageien mit anderen liebenswürdigen Eigenschaften. Spinnen sind einfach Spinnen, sehen nicht immer appetitlich aus und sind eher unangenehm wirkende Vertreter einer Spezies, bei der die Weibchen die Männchen nach der Paarung töten. Nachahmung wird nicht empfohlen! Was kann man nur an Spinnen finden, dass man sie sich in ziemlicher Größe ins Haus holt um das Leben mit ihnen zu teilen? Machen Sie sich selber Ihren Reim, darauf liebe Leser, Ich kann es nicht!

Dass ich Spinnen bei mir daheim auch nicht immer töte, liegt vorrangig daran, dass ihnen dann und wann eine der Gelsen ins Netz geht, die mich im Schlaf verfolgen und piesacken. Zumindest hoffe ich das. Diese Auserwählten sind dann aber trotzdem keine Haustiere im herkömmlichen Sinn sondern reine Nutztiere für mich, die ich spätestens im Herbst dann unerbittlich mit dem Staubsauger einsauge. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen… 

Vivienne

 

 

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