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26.04.2005, © Vivienne

Freunderlwirtschaft – aufgedeckt
Teil 1

 „Der ewige Jammer mit den Weltverbesserern ist, dass sie nie bei sich selber anfangen“, kam mir mehr als einmal das Bonmot Thornton Wilders in den Sinn, als ich meiner Schulkollegin Hedwig zuhörte, was sich vor einigen Jahren in einem Projekt im Bundesland Salzburg ereignet hatte… Hedwig und ich hatten gemeinsam in einem Gymnasium die Schulbank gedrückt und dann auch ebenso gemeinsam die Reifeprüfung bestanden. Hedwig natürlich mit einem sauberen Notendurchschnitt, der sich sehen lassen konnte. Ich war nicht ganz so erfolgreich aber wen juckt das in 50 Jahren noch, war schon damals meine Devise. Hedwig folgte dem Ruf der Liebe, es verschlug sie nach Salzburg wo sie neben ihrem Lehramtsstudium auch eine recht gute Ehe führte (und führt!). Manchmal riss der Kontakt zwischen uns länger ab. Aber irgendjemand von uns rührte sich dann meistens wieder, und wir knüpften nahtlos dort an, wo wir vorher abgebrochen hatten… Es gibt Freunde, die man gar nicht so oft sehen oder treffen muss, bei denen man aber trotzdem weiß, es passt auch so…

Ich hatte mich vor einiger Zeit schon mit Hedwig in einem Salzburger Café verabredet. Wir saßen in der Frühsommersonne, ließen uns von der Sonne verwöhnen und genossen die Melange, für die dieses Café berüchtigt ist. Natürlich hatten wir uns eine Menge zu erzählen: Hedwig war Mutter geworden, ein liebes Mädchen, ganz der Papa, das mittlerweile in die Volksschule ging. Unser Gespräch streifte dabei auch die Probleme von Frauen, die nach der Babypause wieder ins Berufsleben einsteigen wollten. Hedwig erwähnte nebenbei ein Frauenprojekt, bei dem sie vor ein paar Jahren wieder erste Berufspraxis zu sammeln begonnen hatte. Leicht hin und ein wenig oberflächlich meinte ich darauf, wie gut es sei, dass es solche Möglichkeiten gäbe, Frauen wie Hedwig bei der Rückkehr ins Berufsleben zu unterstützen.

Hedwig warf mir daraufhin einen sonderbaren Blick zu: ihre Augen wurden schmal und blickten alles andere als zustimmend auf mich. Während ich noch überlegte, woran das liegen könnte, schlug sie mir vor zu zahlen: „Ich möchte dir jetzt was erzählen, liebe Vivienne, das nicht für jedermanns Ohren bestimmt ist. Und dann, liebe, naive Vivienne, werden dir die Ohren und die Augen aufgehen. Denn die  Leute, die von solchen Projekten profitieren, sind manchmal nicht so sehr die Frauen oder sonstigen Gruppen, für die das nach außen hin ausgerichtet ist. Da gibt’s auch schon mal Leute, die ihre eigenen Pläne und Ziele verfolgen und ihre Schäfchen ins Trockene bringen, komme da, was wolle… In meinem Fall war das besonders krass. Lass‘ dir erzählen!“

Am Rande sei bemerkt: Ich will hier nicht grundsätzlich Projekte aller Art in Misskredit bringen. Nichts ist mir ferner. Ohne deren Einsatz und Unterstützung wären gerade viele Leute am Rand der Gesellschaft, Randgruppen oder auch Sozialfälle oft aufgeschmissen. Dieses Engagement ist eigentlich unbezahlbar, nicht mit Geld aufzuwiegen. Ich möchte heute nur einen speziellen Fall aufzeigen, wie es im negativen Fall auch laufen kann. Im Besonderen ein paar Menschen an den Pranger stellen, die unter dem Deckmäntelchen der Ideologie und der hehren Grundsätze eigentlich nur ihre eigenen, sehr selbstsüchtigen Ziele verfolgten. Das kann leider immer wieder passieren, nicht nur in solchen Projekten.

Hedwig und ich bezahlten also und schlenderten durch Salzburg. Hedwig nahm nach einer Weile den Faden wieder auf. „Du weißt ja noch, mein Mann bekam kurz nach der Geburt unserer Kleinen, Birgit, einen guten Job im südlichen Salzburg angeboten. Einen von der Sorte, die man fast nicht ablehnen kann. Da ich damals meinen Job als Lehrerin ohnedies nicht ausüben wollte und konnte, übersiedelten wir also. Nach dem ein zweites Kind wegen meiner Zuckerkrankheit dann auch kein Thema war, wurde es daheim ein bissel fad, spätestens als die Birgit dann in den Kindergarten kam. Ein Lehrerjob in der Einschicht, noch dazu in meinen Allerweltsgegenständen Deutsch, Geschichte und Musik, das war de facto unmöglich.“

Hedwig blieb vor einem Geschäft in der Getreidegasse stehen und musterte interessiert die teure Kleidung, die mir angesichts meiner leeren Geldbörse nur Schweißausbrüche verursachte. Als wir dann weitergingen, fuhr sie fort. „Karl, mein Mann, schlug mir dann vor, auf EDV umzusatteln. Während der Karenz hatte ich immer wieder viel Zeit vor unserem PC verbracht, verfügte also über gute Kenntnisse. Also buchte ich einige Kurse, bildete mich weiter, machte auch den ECDL, den Computerführerschein. Mittlerweile bewarb ich mich auch schon bei einigen Instituten als EDV- oder Internet-Trainerin. Irgendwann las ich dann von einem Projekt, in dem man EDV-Trainerinnen halbtags suchte, die die Leute aus der Umgebung im Umgang mit dem Computer schulen würden. Da dachte ich, das könnte was werden, das wäre ein guter Einstieg, gerade mit meiner Praxis als Hauptschullehrerin.“

Vor einem Schuhgeschäft blieb Hedwig wieder stehen. Sie probierte einen Schuh, wiegte ihn in der Hand, stellte ihn wieder zurück. Als wir das Geschäft verließen, setzte der typische Salzburger Schnürlregen ein und wir flüchteten in eine Passage. Ohne mich anzusehen, begann sie weiter zu erzählen. „Die Einstellung lief  wie am Schnürchen, fast zu gut. Beim Einstellungsgespräch traf ich nämlich Michaela Meiringer, die ich aus der Hauptschule flüchtig kannte, und das half mir. Sechs Frauen wurden dann für das Projekt eingestellt: neben mir zwei weitere EDV-Trainerinnen, eine Frau fürs Büro, eine EDV-Verantwortliche und natürlich eine Projektleiterin. Ein Treffen wurde arrangiert, bei dem wir uns alle kennen lernen sollten bevor ein endgültiger Termin für die Arbeitsaufnahme bzw. den Projektbeginn fixiert werden sollte. Nur die angehende Projektleiterin selber war entschuldigt, in Angelegenheiten ihrer Scheidung, wie es hieß.“

Der Regen war stärker geworden. Ich ärgerte mich, mein Schirm lag irgendwo im Auto, am Rand von Salzburg. Die Problematik bezüglich der Fußgängerzonen in der Innenstadt von Salzburg ist Ihnen vielleicht nicht fremd. – Hedwig schien der Guss nichts auszumachen. Sie spielte mit ihrem Schlüsselanhänger und schien mich manchmal gar nicht zu bemerken. Erst als ich sie neugierig ansah, blickte sie auf und setzte die Geschichte fort. „Die Kolleginnen schienen alle sehr nett zu sein. Alle verheiratet oder geschieden, mit Kind/ern. Nur Sybilla war anhanglos: eine junge Psychologiestudentin, die sich mit diesem Halbtagsjob das Studium ermöglichte. Seelisch ein bissel instabil – ihre Beziehung war gerade in die Brüche gegangen und sie litt noch, ganz offensichtlich. Auch sie kannte die Meiringer gut: Michi hatte drei oder vier Studien angerissen ohne eines fertig zu machen und sollte im Projekt selbst die EDV-Anlage betreuen. Das überraschte mich schon, aber ich wollte nicht gleich am Anfang meckern. Es ging mich auch nichts an. Immerhin hatte ich ihr zum Teil den Job zu verdanken.“

In der Passage roch es ein wenig muffig. Ich nieste. Suchte in meinem Rucksack nach einem Taschentuch. Hedwig war schneller und reichte mir eines herüber. Während ich noch schnäuzte,  begann sie weiter zu reden. „Sybille war an sich ein nettes Mädel. Labil halt, leicht  zu begeistern. Sie hing für meinen Geschmack ein wenig zu viel mit der Meiringer herum, die sich sehr alternativ, sehr sozial und sehr links gab. Binnen kürzester Zeit hatte sie es geschafft, dass das Mädel sich neben Job und Studium auch noch für eine „alternative“ Zeitschrift von Freunden der Meiringer engagierte – privat und unentgeltlich. Michi hatte die „Tour“ auch bei mir und den anderen beiden versucht, war aber abgeblitzt. – Nachdem wir fünf  Frauen dann schon zwei Wochen in der Vorbereitungsarbeit für das Projekt steckten und uns schon einigermaßen kannten, tauchte endlich auch unsere Chefin, Gisela Danninger, auf: Ende dreißig, betont jugendlich, alternativ angezogen, warf sie mit pseudo-feministischen Phrasen um sich: hohl und nichts sagend mit einem Wort, auch als Person. Uns ließ sie meist links liegen. Sie steckte fast nur mit Michaela beisammen und es schien unschwer zu erkennen, dass auch sie die Position zumindest zum Teil den Beziehungen meiner Schulkollegin zu verdanken hatte.“

Zu Teil 2
 

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