Wenn ich an dich denke.
Dann fällt mir immer dieses Märchen ein.
Der Fischer und seine Frau.
Von den Brüdern Grimm.
Du warst immer wie die Frau des Fischers.
Du konntest dich nie zufrieden geben.
Mit irgendetwas.
Was du erreicht hattest.
Was dir gelungen war.
Es genügte dir nie.
Immer wolltest du mehr.
Nie war es dir genug.
Bis du alles zerstört hast.
So auch unsere Freundschaft.
Und die für immer…
Wie lange ist es her?
Dass sich unsere Wege kreuzten?
Zehn Jahre wohl schon.
Wir waren Kolleginnen.
In einer jungen Firma.
Selbstverwirklichungsplattform.
Einer schönen Frau.
Gekleidet in Samt und Seide.
Mit einer rabenschwarzen Seele…
Du warst ihr hörig.
Denn sie kannte deinen schwachen Punkt.
Geld und Gaben.
Und obwohl du wusstest.
Dass sie mich nicht mochte.
Hast du uns gegeneinander ausgespielt.
Ich wurde ihr Fußabstreifer.
Deswegen.
Und dir war das durchaus recht.
Du hattest deine Pläne mit mir…
Meine Freundschaft allein.
Sie hat dir nicht genügt.
Und du hast geglaubt.
Du könntest mich leicht überreden.
War ich doch keine junge Frau mehr…
Dein jüngerer Bruder.
Er brauche eine Frau.
Für seinen Bauernhof.
Die Braut war ihm davongelaufen.
Wegen der vielen Arbeit.
Aber er brauchte eine zusätzliche Arbeitskraft.
Der Vater war todkrank.
Und außerdem.
Die Nachfolge sollte gesichert werden.
Durch mich.
Ich stammte doch aus einer kinderreichen Familie.
Ich sollte den Erben gebären.
Für deinen lebenslustigen Bruder.
Der gerne andere Frauen anlachte…
Richtig.
Da war noch deine älteste Tochter.
Sie wollte auf eine höhere Schule gehen.
Und der sollte ich doch Nachhilfe geben.
In Englisch und Französisch.
Natürlich kostenlos.
Quasi als Tante.
Nicht wahr?
Ein wunderbarer Plan.
Sorgfältig entworfen.
Perfekt ausgeklügelt.
Er hatte nur einen Haken.
Ich stieg nicht darauf ein.
Weil ich nicht wollte.
Und weil mir ein Leben als Bauersfrau.
So überhaupt nicht vorschwebte.
Nein.
Kein Leben zwischen Kuhstall und Misthaufen.
Und ohne Urlaub…
Das sagte ich dir auch.
Und du?
Du wolltest es nicht begreifen.
Du wolltest nicht nachgeben.
Bis ich dich nicht mehr wollte.
Bis ich genug hatte.
Und ich strich dich aus meinem Leben…
Ich habe dich lange nicht gesehen.
Ich werde es wohl auch nicht mehr.
Ein Jahr nach unserem Verdruss.
Hast du eine Freundin vorgeschickt.
Du wolltest es noch einmal probieren.
Meine Freundschaft.
Und mich als Frau deines Bruders…
Vergeblich.
Ich hatte genug.
Du hattest alles zerstört.
Weil du zu viel wolltest.
Viel zu viel.
Und weil du meintest.
Eine Frau wie mich.
Die könntest du schon beugen.
Mit deinem starken Willen…
Nicht wahr?
Es wäre ja ohnedies zu meinem Besten gewesen!
So hast du es gesehen.
Aber ich eben nicht.
Ich bin frei wie der Vogel.
Nicht immer glücklich.
Aber mein eigener Herr.
Das ist der Preis den ich zahle…
Vivienne/Gedankensplitter