In der Straßenbahn.
Der Bub auf dem hinteren Sitz.
Er hat blondes Haar.
Und er trägt eine Brille.
Vielleicht sechs Jahre ist er alt.
Die Frau auf dem anderen Sitz.
Ich sehe sie an.
Ist sie seine Mutter?
Oder seine Großmutter?
Der Bub schreit.
Halt den Mund!
Er meint die Frau neben sich.
Halt den Mund!
Er wiederholt es immer wieder.
Und er lacht ein wenig dabei.
Er kommt sich gut dabei vor.
Sei endlich ruhig.
Sagt die Frau.
Halt selber den Mund!
Der Bub grinst.
Halt den Mund!
Halt den Mund!
Er hört nicht mehr auf.
Ich beobachte die Frau.
Die herb wirkt.
Und nicht mehr jung.
Ich sage es der Oma.
Wenn du dich nicht benimmst.
Du bist ja verrückt!
Du gehörst in ein Erziehungsheim!
Weil du nicht folgen kannst.
Weil du nur Unsinn sprichst!
Also doch die Mutter.
Und ich erstarre.
Ob ihrer Worte.
Ob des harten Tonfalls.
Ich kann nur den Kopf schütteln.
Über diese Mutter.
Kalt klangen ihre Worte.
Gefühllos.
Und ohne Liebe.
Der Bub…
Natürlich benimmt er sich daneben.
Natürlich lotet er seine Grenzen aus.
Aber so…
So ist er sicher nicht zur Welt gekommen!
Was für ein armes Kind!
Und was ist das für eine Mutter!
Ich sehe mir die Frau an.
An ihr ist nichts Freundliches.
Sie wirkt nur grob.
Und sie mag ihren Sohn nicht…
Das merkt man sofort.
Während sie ihm mit der Nervenklinik droht!
Mit dem Irrenhaus.
Weil der Bub nicht auf sie hört…
Gewollt war der Bub nicht.
Sicher nicht.
Er ist wohl eher passiert.
Und der Vater?
Hat sich wohl verloren.
Vielleicht ahnt er gar nichts von seinem Glück…
Der blonde Bub.
Ungehorsam ist er wirklich.
Und er wirkt ungerührt.
Während ihm seine Mutter droht.
Sie ließe ihn allein.
Heute Nachmittag.
Wenn sie fort fährt…
Sie hat ihn am Arm gepackt.
Es muss wehtun.
Aber der Bub lacht nur.
Und er reißt sich los.
Ich empfinde Mitleid mit ihm.
Tiefes Mitgefühl.
Geboren in diese Welt.
Von einer lieblosen Mutter.
Desinteressiert.
Und in ihrer Stimme schwingt Hoffnung.
Hoffnung.
Den Bub vielleicht doch einmal abzuschieben.
In ein Erziehungsheim.
In ein Irrenhaus.
Damit sie ihn endlich los ist…
Armer Bub.
Dein Leben ist schon gelaufen.
Bevor es richtig begonnen hat…
Niemand muss ein Kind haben.
Heutzutage.
Wenn er es nicht haben will.
Oder sie…
Meint man.
Und doch…
Immer wieder werden Kinder geboren.
Wie dieser Bub.
Kinder, die man ständig fühlen lässt.
Dass man sie nicht mag.
Und nie lieben wird…
Die Straßenbahn bleibt stehen.
Die Türen öffnen sich.
Halt den Mund!
Der Bub plärrt es wieder.
Seine Mutter packt ihn noch einmal.
Aber er entwindet sich dem Griff.
Dann läuft er aus der Straßenbahn.
Halt den Mund!
Vivienne/Feuerlili