Anneliese Schiffner beobachtete Georg Ofner, wie er mit Heidi das Solo probte. Was für ein gut aussehender Mann! ging ihr einmal mehr durch den Kopf. Fast verliebt verfolgte sie den Dialog Ofners mit dem Mädel bis deren kristallklare Stimme den ersten Teil anstimmte. Anneliese bemühte sich wieder an etwas anderes zu denken. Georg hatte sie gebeten, mit den Leuten aus dem Chor ein ernstes Wort zu sprechen. „Anneliese, ich brauche die Leute wirklich pünktlich bei mir in der Probe!“ Seine Stimme hatte eindringlich und sehr ernst geklungen. „Wenn ich sage: 18:00 Uhr, dann kann ich nicht mehr als maximal fünf Minuten Verspätung akzeptieren. Bitte, red’ mit den Leuten!“ Er hatte sie unverwandt angeblickt. „Ich möchte den Leuten auch keine Vorschriften machen, aber du kennst sie und du kannst vermitteln, wie wichtig das ist. Bitte!“
Einerseits hatte sich Frau Schiffner geschmeichelt gefühlt. Trotzdem verlangte er etwas von ihr, das nicht einfach umzusetzen war. Manche Leute waren einfach nicht bereit, ihre alten Gewohnheiten fallen zu lassen. Sie musste sich eingestehen, dass das auch ihre Schuld war. Wenn sie, wie die letzten zehn Jahre, mit den Leuten altbekanntes Liedgut für Weihnachten einstudiert hatte, war es nicht so wichtig gewesen, wann die Leute zur Probe kamen und ob sie jedes Mal dabei waren. Es stimmte schon, was Georg gesagt hatte: „Stille Nacht kennt doch jeder!“ Aber diese Messe eben nicht. Und auch wenn sich überraschend schnell vor allem Frauen – wie auch sonst – den Wünschen des gut aussehenden neuen Chorleiters unterworfen hatten, ließ sich ein gewisser Unmut unter den Sängern nicht leugnen. Vor allem Karl und Elsbeth Huber probten immer noch den Aufstand. Und sie verstand deren Opposition ja einerseits ganz gut, aber wie hatte Pfarrer Stadlbauer gemeint? „Diese Christmette könnte ein unvergessliches Erlebnis werden, für jeden der teilnimmt, als Sänger oder als Besucher der Mette!“
Anneliese nickte energisch. Das würde sie ganz sicher, und noch in ein paar Jahren würde jeder in der Pfarre wissen, welchen Anteil sie daran gehabt hatte. Sie, Anneliese Schiffner! Also würde sie auch dafür sorgen, dass die Leute ab nächster Woche pünktlich zum Schlag der Kirchenglocke eintrudeln würden. Aber eines würde wohl trotzdem unumgänglich nötig sein: nämlich ein ernstes Wort mit den Eltern des Basssolisten Leo Gmeiner zu sprechen. Dass der junge Mann die halbe Zeit im Kuhstall verbrachte, wenn er eigentlich bei der Probe in Erscheinung treten sollte, war nicht nur Georg ein Dorn im Auge. Sondern auch ganz besonders ihr. Selbst Pfarrer Stadlbauer war mit seiner Mission gescheitert, als er bei den Gmeiners angerufen hatte. Er hatte nämlich die arbeitsamen Bauersleute nicht ein einziges Mal erreicht!
Frau Schiffner zog die Stirne in Falten, aber nur kurz, um gleich darauf zufrieden zu lächeln. Eine Mission, wie geschaffen für sie! Die Gmeiners waren einfache und sehr fleißige Leute, aber auch sehr gläubig, und da musste sie einhaken… Georgs Stimme riss sie aus den Überlegungen. Richtig, er wollte mit ihr noch die Probetage für die nächste Woche ausmachen. Er konnte schließlich aus beruflichen Gründen nicht immer an denselben Tagen. Sie trat näher, als Heidi noch einmal die Stimme hob. Das Mädel klang wirklich wie ein Engel, wer hätte das zu Beginn der Proben gedacht. Und Georg Ofner hatte das aus der Stimme dieser Hauptschülerin herausgeholt. In wenigen Wochen. Ofner deutete Anneliese nur wortlos zu kommen und drückte ihr die Liste mit den Tagen in die Hand. Anneliese überflog den Plan. Dienstag?
Sie seufzte. Der Abend der Handarbeitsgruppe. Die Damen würden sich sicher wieder über Gebühr aufregen, da stand ihr was bevor. Und das alles für Gottes Lohn? Sie verharrte einen Moment neben der Treppe. Georg Ofners Bild erschien wieder vor ihrem Augen. Ohne dass sie es merkte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie würde das schon regeln, so wie jedes Mal, wenn sich irgendwelche Leute wegen Terminkollisionen aufregten. Georg konnte sich auf sie verlassen, ja, und natürlich auch der Herr Pfarrer. Der auch. Es war dunkel und nebelig als sie nach draußen trat. In diesem Winter wollte es absolut nicht schneien, dabei wäre eine Mette in winterlicher Landschaft herrlich romantisch…
Vivienne
Danke für diese Zeilen, Anneliese nimmt uns an die Hand und Frau Schiffnerr führt uns der Weihnachtszeit und dem Winter entgegen…Schöner Einstieg, wie gehts weiter? Eine Frau . mittendrin vermittelnd immer auch für Andere da,…Mir wird warm dabei ums Herz…aber ist da nicht auch bei ihr ein leiser leichter Schmerz ?
Das ist eine Geschichte die ich vor über zehn Jahren nach meinen Erfahrungen aus einem Anlasschor in einer Mühlviertler Pfarre verfasst habe. Die Handlung hat sich allerdings nie so zugetragen, ich habe die Personen völlig neu erfunden.
Es war eine nette Zeit und hat Spaß gemacht. Den Chor habe aber nicht ich geleitet sondern ein junger Mann aus der Nachbargemeinde…
Für heuer habe ich die Geschichte wieder reaktiviert. Ich hätte es schade gefunden sie irgendwo im Archiv bleiben zu lassen…
Danke und liebe Grüße