Home Kolumnen Die bunte Welt von Vivienne
15.07.2005, © Vivienne
Discovery Fieber
Bea und Louis waren zu uns zum Grillen gekommen. Wenn nur der Wettergott ein Einsehen gehabt hätte! Aber leider es regnete immer wieder, von leichtem Donnergrollen begleitet. Erst am Abend setzte sich der blaue Himmel durch! Wir saßen im Hof unseres Blocks, Luis und Ali wechselten sich am Griller ab, und wir genossen die verschämt sommerliche Stimmung. Verschämt sommerlich deshalb, weil mir das kein richtiger Sommer zu sein schien. Noch nicht. Zu einer richtigen Sommernacht gehört sicher kein leichtes Frösteln (wie bei mir) sondern herrliche warme Temperaturen, Grillen zirpen und das unbeschreibliche Gefühl, der Sommer würde nie enden. Momentan hatte ich eher das Gefühl, der Sommer würde nie richtig anfangen Ich gähnte, während ich ein paar Lichter anzündete.
War ich nicht unbescheiden? Es war so romantisch hier, mitten in Linz, das gegrillte Essen hatte ausgezeichnete geschmeckt und nunmehr hatte Louis, unser Weinfachmann, eine Flasche Rotwein geköpft, die wir langsam lehrten Ali lief einmal kurz nach oben, um sich eine neue Packung Zigaretten zu holen. Als er wieder herunterkam, grinste er. Der Discovery Start wurde abgesagt. Ich habe es eben im Radio gehört. Es ist grotesk. Mittags läuft noch Also sprach Zahradustra auf Ö3 und alles nur heiße Luft. Es gibt technische Probleme Mir ging das sonst wo vorbei. Was interessierte mich die Discovery, wenn ich den Sommersternenhimmel über mir ahnte und mich beinahe in der Unendlichkeit verfing, die er ausstrahlte?
Lautstarkes Gezeter riss mich aus dem Philosophieren. Weiter oben am Balkon einer der Wohnungen war eine dunkle Männerstimme zu hören. Und sie klang ungehalten Ich folgte dem Mann mit den Augen. Ali warf mir von der Seite her einen vergnügten Blick zu. Sieht aus, als ob er ein Fernrohr aufstellen würde. Und was ihm da seine Frau bringt, könnte ein Feldstecher sein. Ich verstand nicht ganz. Ein Fernrohr? Aber wozu? Louis lachte laut. Ich verstehe, was Ali meint. Ich glaube, denen da oben hat niemand gesagt, dass die Discovery nicht startet. Die wollten heute Abend sicher nicht nur Sterndl schauen Ooh. Richtig, ich hatte davon gehört. Auch ein Kollege von mir hatte sich fest vorgenommen, heute Nacht nach der Discovery Ausschau zu halten. Diesen besonderen Moment durfte man ja nicht verpassen.
Ich warf meiner Schwester einen viel sagenden Blick zu, während ich überlegte, ob man das Paar da oben vielleicht aufklären sollte. Es war weiter eifrig damit beschäftigt, den Balkon zu einer Mini-Sternwarte auszubauen. Wenn mich nicht alles täuschte, probierte der Mann sogar Kameras aus. Seine Frau ging ihm hilfreich zur Hand, konnte es ihm aber nicht recht machen, wie am regelmäßigen Gezeter in tiefer Tonlage unschwer zu erkennen war. Bea schenkte mir noch ein Achterl Roten ein. Sie deutet mit dem Arm nach oben. Ist das nicht komisch? Die warten jetzt darauf, dass die Discovery kommt, vielleicht sogar die halbe Nacht! Ein Flieger ließ sie verstummen, er musste wohl Richtung Flughafen Hörsching unterwegs sein, mutmaßte ich.
Der Mann am Balkon schien anderer Meinung zu sein. Seine Stimme überschlug sich und er beobachtete mit dem Feldstecher das unbekannte Flugobjekt. Seine hektischen Bewegungen hatten etwas Rührendes an sich, die Stimme der Frau, die den Flieger genau wie wir erkannt zu haben schien, ignorierte er zuerst. Schließlich siegte aber doch die Überredungskunst der Gattin, er legte die Kamera wieder weg. Gebannt verfolgten wir alle vier die Vorgänge auf dem Balkon. Mittlerweile hätte niemand von uns den Unterhaltungswert des Paares in Frage gestellt. Ein Flieger des Bundesheeres rief den Mann wieder auf den Plan. Diesmal erkannte er aber seinen Irrtum selber und verhielt sich eine ganze Weile außergewöhnlich ruhig.
Wir wollten gerade unseren Grillabend beenden und das Lager aufräumen, als das nächste Flugobjekt am nächtlichen Himmel auftauchte. Der Mann am Balkon wurde wieder hektisch, wechselte wie wild zwischen Fernrohr und Feldstecher und begann dann zu knipsen. Ein Blitz nach dem anderen folgte zwischen den Freudenrufen des Hobbyastronomen, bis sich auch dieses Objekt als normales Flugzeug entpuppte. Ich gebe zu, dass es boshaft war, aber wir genossen unsere Schadensfreude sehr. Allerdings mussten uns nun Bea und Louis verlassen, und Ali verstaute den Griller vorläufig im Keller. Reinigen wollte er ihn morgen, aber es konnte schließlich gut sein, dass es heute noch regnete.
Als ich aus dem Badezimmer kam, konnte ich meine Neugierde nicht bezähmen. Ich schlich auf den Balkon und suchte das Discovery-süchtige Paar. Da waren die zwei! Aber die Lust schien den beiden ziemlich vergangen zu sein. Nicht nur das, sie waren damit beschäftigt, alles wieder wegzuräumen: Fernrohr, Kamera, Und was mir noch auffiel. Der Vorgang ging ziemlich schweigend vor sich. Schließlich wurde die Balkontür lautstark geschlossen und das Licht abgedreht. Plötzlich taten mir die beiden leid. So viel Idealismus! So viel Feuereifer! Und dann alles umsonst! Aber vielleicht dann beim nächsten Start
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