Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  Jänner 2005



Unverhofft…

Nachdenklich ging ich Anfang Jänner mit Vicky in der Pluscity in Linz-Pasching spazieren. Sie gefiel mir ehrlich gesagt nicht, wenn ich sie so betrachtete, sie wirkte blass und ungesund. Dazu hatten sich jede Menge Pickel auf ihrer sonst so reinen Haut gebildet. Trotzdem verlor ich kein Wort darüber. Ich konnte mir gut vorstellen, dass dieses Erscheinungsbild die seelische Reaktion auf die Diagnose der Ärzte im Herbst gewesen war. Verwachsungen auf der Gebärmutter, kein Kind! Warum sie darauf anreden? dachte ich mir. Warum die Wunde noch mehr aufreißen, die ohnehin noch schmerzen musste, mehr schmerzen als eine große Fleischwunde?

Dabei schien mir Vicky selber nicht allzu verstimmt zu sein. Erzählte von dem Termin, den Bert und sie an der Adoptionsstelle hatten, irgendwann Anfang Februar. Und auch ihr Appetit schien nicht schlecht gewesen zu sein, als wir vorhin im Kaffeehaus geschmaust hatten. Oder war das etwa nur Frustessen? Immerhin hatte Vicky eingeräumt, dass ihr in der letzen Zeit der Kreislauf öfter einen Streich gespielt hatte, vor allem frühmorgens, aber das lag sicher nur am unüblichen Winter ohne Schnee und Eis und ohne jeglichen Frost. Na, wenn sie das glaubte! Ich wollte ihr nichts einreden. Ehrlich gesagt, ich war nicht nur rücksichtsvoll, ich war auch feig… Und hatte Angst vor den Tränen und der Verzweiflung Vickys, die sich so sehr ein Kind gewünscht hatte.

Ich hatte längst keine Lust mehr durch die Straßen zu spazieren, aber Vicky geriet bei fast allem in Verzückung. „Sieh dir doch die Brautmode an! So ein süßes Kleid! Möchtest du nicht auch in Weiß heiraten?“ Ach ja richtig, Albert und ich wollten ja heiraten. Oder besser gesagt Albert – wollte ich es überhaupt? Aber ich schluckte den Seufzer und trat ans Schaufenster. Ein Traum aus Tüll und Spitzen – für meine Figur völlig ungeeignet. Dass Vicky kein Gefühl dafür hatte? „Aähhm, ich würde lieber in Jeans heiraten!“ gestand ich und ertrug Vickys entsetzen Blick wie ein Mann. Ich war an diesem Nachmittag sehr mit mir selbst beschäftigt, deshalb erschrak ich auch so, als Vicky plötzlich über Übelkeit klagte. „Mir ist so schlecht, ich glaube, ich muss mich setzen…“

Die Verkäuferin im Geschäft reagierte relativ gelassen. Sie rief ganz ruhig den Notarzt an und ein Stuhl war schnell organisiert. Als der Arzt eintraf, trank Vicky ein Glas Wasser. Er prüfte den Blutdruck, maß den Puls und meinte schließlich, Vicky solle zur Kontrolle über Nacht ins Spital. Ich war baff, während Vicky mich bat, unbedingt Bert anzurufen. „Da ist seine Nummer, bitte! Er soll sich keine Sorgen machen.“ Die machte ich mir dafür selber, denn Vickys ungesundes Aussehen schien auf einmal einen gröberen Grund zu haben. Immer wieder wischte ich ihr Bild vor meinem geistigen Auge  weg – ohne Erfolg. Im nächsten Augenblick war es wieder da.

Bert reagierte unerwartet ruhig. „Ich werde nach der Arbeit gleich zu ihr fahren und ihr ein paar Dinge bringen. Du wirst sehen, es ist sicher nur der Kreislauf wegen der vielen Überstunden vor Weihnachten.“ Die tröstenden Worte verfehlten bei mir leider ihren Zweck. Irgendetwas machte mich fahrig, etwas, dass Ali recht gern bei mir als „Gras wachsen hören“ umschrieb. Deshalb sagte ich auch nichts, als er heimkam, aber es war sehr schwierig, mich zu verstellen, denn wer kannte mich besser und inniger als Albert? Zwei oder drei mal hatte ich das Gefühl, er würde mir gleich auf den Kopf zusagen, dass etwas nicht stimmt. Aber er ließ es dann doch bleiben.

Das heißt: beim letzen Mal störte ihn das Telefon, das läutete. Ali ging zum Apparat und meldete sich. Sein ernster Gesichtausdruck veränderte sich schlagartig. „Hallo Bert! Wie geht’s euch denn?“ Danach minutenlanges Schweigen Alberts, er zog die Augenbrauchen nach oben, konnte den Mund nicht mehr schließen. „…aber das ist ja wundervoll! Gratulation! Das ist ein Wahnsinn! Ich freu mich so für euch, was heißt ich? Wir freuen uns für euch!“ Albert legte auf und sah mich amüsiert an. „…du hast es gewusst nicht wahr?“ Ich war verwirrt der etwas einseitigen Unterhaltung gefolgt. “Was habe ich gewusst?“ Albert drohte mir schelmisch mit dem Zeigefinger. „Tu doch nicht so! Den ganzen Abend habe ich das Gefühl, dass meine Vivi da etwas verbirgt vor mir und irgendwie mit den Gedanken nicht bei mir ist, wo sie sein sollte. Aber jetzt versteh ich alles!“

Ich schüttelte langsam den Kopf. „Wovon sprichst du eigentlich? Ich habe keine Ahnung!“ Albert lachte laut auf. „Aha? Du weiß also nicht, dass Vicky schwanger ist? Mir willst du etwas vormachen?“ Es war in der Tat schwierig Albert davon zu überzeugen, dass ich keine Ahnung gehabt hatte und ich glaube, restlos ist es mir trotzdem nicht geglückt. Das machte aber auch nichts, denn eigentlich hätte ich es wirklich ahnen müssen, wie mir nach der Nachricht bewusst wurde und zweitens war es außerdem völlig egal, denn es überwog die Freude. Die Freude, dass Vicky jetzt doch schwanger geworden war, allen Verwachsungen auf der Gebärmutter zum Trotz. Nicht immer ist es gut, wenn Ärzte sich irren, in diesem Fall war es ein echter Glücksfall. Defacto unverhofft…

Vivienne

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