KRITISCH BETRACHTET
von Vivienne – Dezember 2003
Unwertes Leben?
Im dritten Reich unseligen Gedenkens tauchte der Begriff vom unwerten Leben das erste Mal auf. Behinderte Menschen, Erwachsene wie Kinder, mehrfach oder geistig gehandicapt, mussten während der dunkelsten Ära in Österreichs Geschichte sterben, weil ein menschenverachtendes Regime die Existenz dieser Menschen als unwert empfand. Euthanasie wurde dieses Morden beschönigend genannt, unzählige fielen dieser Form der Sterbehilfe zum Opfer.
Sterbehilfe der anderen Art leistet in diesen Tagen die Tiroler Gebietskrankenkasse. Oder versuchte es zumindest. Vor wenigen Tagen erst wurde bekannt, dass diese einem kleinen, vierjährigen, krebskranken Mädchen eine wichtige Therapie versagen wollte, weil O-Ton das Kind unheilbar krank sei. Ganz abgesehen davon, dass da eine Behörde willkürlich über Leben und Tod entscheidet, per Federstrich bescheinigt: dein Leben ist unwert, deines nicht wie fühlen wohl Eltern in so einer Situation? Ich habe keine Kinder, aber mir steigt angesichts von so viel Präpotenz, mangelndem Einfühlungsvermögen und Selbstgerechtigkeit eine Gänsehaut der unangenehmen Sorte auf.
Im Fall der kleinen Lena aus Tirol hat die Geschichte vorläufig ein gutes Ende gefunden. Weil die Eltern an die Öffentlichkeit gingen, wird die lebenswichtige Therapie jetzt doch bezahlt. Ob das Mädchen einmal geheilt werden wird, ist trotzdem offen, aber hundertprozentige Sicherheit, Gewissheit, hat man ohnedies nie. Auch nicht in einem günstiger prognostizierten Fall als dem geschilderten. Aber im selben Kleinformat, in dem heute die Mutter des krebskranken Kindes mit dem Mädel selber abgebildet ist, findet sich im Auslandsteil auch ein Artikel über ein zweijähriges Kind, das mit einem Neuroblastom, einem besonders bösartigen Krebs, geboren wurde. Dieser Bub sollte operiert werden als sich bei notwendigen Untersuchungen herausstellte, dass der Tumor verschwunden war eine Spontanheilung, wie sie in der Medizin immer wieder vorkommt und beschrieben wird. Wer darf eigentlich angesichts solcher verbriefter Wunder den Terminus aussichtslos noch in den Mund nehmen?
Was mir neben dem tragischen Schicksal des Tiroler Mädchens bitter auffällt bezieht sich auf eine mögliche zukünftige Politik, die uns blühen kann, weil sie das Gesundheitswesen entlasten soll. Hier ein eventuelles Beispiel: Ein Achtzigerjähriger wird dann vielleicht nicht mehr operiert oder wichtige Medikamente werden verweigert, weil es volkswirtschaftlich nicht zu vertreten ist: Der Mann bezieht, sagen wir mal, fast 20 Jahre seine Rente und kostet den Staat einfach zu viel Geld… Finden Sie meine Überlegungen zu abenteuerlich? Ich denke nicht. Wir haben einen Kanzler unseligen Gedenkens, der über die Köpfe der Leute hinweg reformiert und dem Einzelschicksale ziemlich egal sind. An Versprechungen aller Art – siehe ÖBB fühlt er sich nicht gebunden. Im Grunde dürfen, müssen wir alles erwarten. Leider.
Doch zurück zu meiner eingangs erwähnten Geschichte. Ich war heute Mittag kurz in Linz, weil ich noch ein paar Einkäufe erledigen musste und kam am Bahnhof auf dem Weg zum Bahnsteig an einem Plakat zum Spendenaufruf vorbei: Emilia hat eine Chance beschwört das St. Anna Kinderspital und bittet um Unterstützung auf ein Konto der Bank Austria. Emilia, Lena und all ihre ungenannten LeidensgenossInnen haben alle eine dreiviertel Chance, denn ca. 75 % aller an Krebs erkrankten Kinder können dank des Fortschritts der Medizin geheilt werden. Und zwar solange es Menschen gibt, Menschen, die diesen Ehrentitel im tiefsten Sinn seiner Bedeutung noch verdienen. Und solange nicht Behördenwillkür nach Gutdünken entscheidet, wem in unserem Gesundheitssystem noch geholfen werden darf und wem nicht.
Jedes Kind, jeder Mensch hat für mich ein elementares Recht auf beste medizinische Hilfe, bis wirklich nichts mehr greift. Österreich ist ein Sozialstaat, noch, muss man sagen, da unser Kanzler sehr bemüht ist, das zu ändern. Aber solange in Österreich noch keine amerikanischen Verhältnisse herrschen, sollten wir nicht zulassen, dass Krankheit und ihre Heilung eine Frage des Geldes, der persönlichen Vermögensverhältnisse wird. Und schütteln Sie nicht den Kopf wegen meiner pessimistischen Überlegungen: schneller als man manchmal glaubt kann unsereins auf ein faires, soziales Netz und unvoreingenommene medizinische Versorgung angewiesen sein.
Link: Alle Beiträge von Vivienne