Neue Bohnen Zeitung


von Vivienne  –  April 2004



Depression

Die Sonne lacht.
Der Himmel ist blau.
Nur wenige Wolken.
Ein Vogel zwitschert.
Hingebungsvoll.
Als wäre er verliebt.
Als sänge er sein schönstes Lied.
Der Vogeldame seins Herzens.
Ein gelber Schmetterling flattert.
Wenige Schritte vor mir.
Pralle Lebenslust, wohin man blickt.
Bienen, Käfer.
Allerlei Getier.
Regt sich und lebt.

Lebt.

Mir fröstelt.
Ich ziehe die Jake zusammen.
Den Kopf nach unten geneigt.
Gehe ich weiter.
Blicke zu Boden.
Sehe den Kies vor mir auf dem Weg.
Ich sehe nur das Grau.
Das Grün neben der Straße.
Das nehme ich nicht wahr.
Oder nicht richtig.
Wie verwischt.
Als hätte eine Maler in einem Aquarell mit trüber Farbe das Grün verwischt.
Der Maler bin ich.
Und die trübe Farbe kommt aus meinem Inneren.

Ich habe nichts Buntes in mir.
Keine Freude.
Kein Lachen.
Ich sehe unsere bunte Welt.
Ich sehe den Frühling.
Doch nichts dringt an mich heran.
Eine Mauer in mir.
Sie ist kalt.
Kalt wie Stein.
Du bist der Grund für diese Mauer.
Ich hab sie aufgebaut.
Selber.
Ziegel um Ziegel.
Weil du mir so wehgetan hast.
Mich bewusst verletzt.
Weil du mich verachtest.
Als wäre ich nichts.
Als wäre ich ein Niemand.
Als wäre ich das Letzte.

Ich fühle mich wie eine alte Frau.
Langsam hebe ich meine Beine.
Als wären auch sie aus Stein.
Als hätte ich keine Kraft mehr.
Meine Sehnen sind wie durchgeschnitten.
Mir ist als müsste ich ersticken.
Als könnte ich gar nicht mehr existieren.
Ich steh auf der Brücke.
Blicke in die graublaue Donau.
Der Wind kräuselt die Oberfläche.
Ein Entenpärchen schwimmt stromabwärts.
Eifrig quakend.
Liebende haben sich so viel zu sagen.
Ich habe nichts zu sagen.
Wem auch?
Dir vielleicht?
Dir?
Der du mich so behandelt hast?
So miserabel?

Es liegt nicht an dir.

Natürlich liegt es an dir.
Du bist nicht liebesfähig.
Du saugst mich nur aus.
Wie ein Vampir.
Ich blute ohne Unterlass.
Du nimmst.
Dafür bin ich gut genug.
Und gibst nichts.
Und ich habe längst keine Kraft mehr.
Keinen Willen zum Leben.
Springen…?
Einfach fallen lassen.
Und nicht mehr sein.
Alles hinter mir zu lassen.
Aufhören zu existieren.
Nicht mehr denken zu müssen.
Wäre das nicht wunderschön?
Ein kurzes Aufbäumen vielleicht im kalten Wasser.
Und dann eins sein mit der Kälte.
Mit dem Strom.

Ich möchte sterben.

So verlockend.
Der Blick ins Wasser.
Ich gebe mich dem Traum hin.
Wenige Minuten.
Beuge mich hinunter.
Über das Geländer.
Und kann nicht.
Kann mich nicht fallen lassen.
Mein Lebenswille ist stärker.
Ich weiß nicht warum.
Der letzte Wille dazu fehlt.
Meine Tränen sind versteinert.
Ich friere nach wie vor.
Mich hält nichts mehr am Leben.
Oder doch…?
Der schöne Traum verblasst.
Vermeintlich schön…?
Die Sonne ist hinter einer Wolke verschwunden.
Ich starre ins Wasser.

Na, wie geht’s?

Ein Unbekannter steht neben mir am Geländer.
Er sieht nett aus.
Alles okay?
Nichts ist in Ordnung.
Aber ich nicke.
Tonlos.
Und gehe wieder weiter.
Vielleicht hätte er mich entdeckt.
Vielleicht hätte er mich gefunden.
Vielleicht hätte er mich gerettet.
Dir bin ich völlig gleichgültig.
Ihm nicht.
Zumindest nicht als Mensch.
Er wäre mir wohl nach gesprungen.
Du nicht.
Für dich bin ich nur Dreck.

Der Wind wird sich drehen…

Reminiszenzen an den Oktober 2001

Vivienne

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