Unwartet
Vor mir steht eine Tasse Kaffee.
Sie wird kalt.
Ich bemerke es fast nicht.
Ich bin beschäftigt.
Mit mir selber.
Ich greife auf meinen Bauch.
Als erwartete ich etwas zu spüren.
Aber ich fühle nichts.
Es ist so wie immer.
Ich sehe die Kaffeetasse an.
So als würde ich sie nicht wirklich wahrnehmen.
So wie ich nicht begreifen kann.
Nein.
Ich fasse es nicht.
Ich bekomme dein Kind.
Der Arzt hat es mir vor einer Stunde gesagt.
Ich bin schwanger.
Von dir.
Von niemand anderem.
Von einem harmlosen Flirt.
Einer nicht mehr ganz jungen Frau.
Die lange ohne Liebe gelebt hat.
Dann dieses Abenteuer.
Dieser Flirt.
Im Grunde nur Triebbefriedigung.
Nicht mehr.
Wir beide wollten es.
Eine Nacht, in der mich wieder begehrt fühlte.
Als Frau.
Aber auch in dem Wissen.
Wir gehören nicht zusammen.
Ich liebe dich auch nicht.
Ich mag dich.
Ich hab dich sehr gern.
Aber du bist zu jung.
Mehr als alles andere.
Wir wollten auch nicht mehr.
Das Feuer einer Nacht.
Und es war schön.
Ich habe es genossen.
Wie denn auch anders?
Nach dieser langen Zeit de Lieblosigkeit?
Und jetzt stehe ich da.
Einmal in meinem Leben nicht aufgepasst.
Was war ich nicht immer vorsichtig!
Und einmal war es mir egal.
Ich wollte dich.
Hier und jetzt.
Das danach war uninteressant.
Bedeutungslos.
Warum hätte gerade diesmal etwas passieren sollen?
Aber es sollte wohl sein
.
Ich starre auf meinen Kaffee.
Und zum ersten Mal nehme ich das feine Aroma wahr.
Das erste Mal an diesem späten Vormittag.
Ich schließe die Augen.
Inhaliere den köstlichen Duft.
Plötzlich dieser Gedanke.
Darf ich das?
Darf ich denn Kaffee trinken?
Jetzt, wo ich schwanger bin.
Ich bekomme dein Kind.
Und ich muss es dir sagen.
Wie wirst du wohl reagieren?
Bitters Lächeln.
Heiraten werden wir nicht deswegen.
Nein.
Wenn ich ehrlich bin.
Ich kenne deine Gedanken.
Jetzt schon.
Mach es weg!
Hartes Kalkül.
Und es wäre wohl das Beste.
Und das einfachste.
Einen Tag ins Spital.
Und nie mehr daran denken
Wirklich nie mehr?
Ich bin nicht mehr jung.
Sanft greife ich wieder an den Bauch.
Dieses Kind würde wohl mein einziges bleiben.
Keine Chance mehr.
Weil ich immer so vorsichtig war.
Oder einfach feig?
Kein Risiko?
Angst vor Verantwortung?
Angst vor der Liebe selber.
Ich weiß es nicht
Aber dieses Kind
ist vielleicht alles, was von der Liebe bleibt.
Von der Liebe in meinem Leben